Nochmals: Die Priester vernachlässigten die Verkündigung der Tora. Die Folge war, dass das Volk seinen Gott nicht mehr "kannte", d.h. nicht mehr liebend eins mit ihm war, und so in eine tiefe Identitätskrise stürzte. Gott musste erneut eingreifen. Er erweckte Propheten. Sie mussten den Priesterstand erinnern, wozu er eingerichtet war. Sie mussten das Volk zur ursprünglichen Berufung zurückführen: ein Volk zu sein, das hört, in Gemeinschaft mit Gott lebt, priesterlich und heilig.
Ein Prophet ist ein Mensch der "nicht erlaubt, dass ein Mittel zum Ziel gemacht wird und dass äußere Formen um ihrer selbst willen vollzogen werden, ... der uns ständig daran erinnert, dass die eigentliche Wahrheit der Gegenwart weiter in der Zukunft liegt oder auf einer höheren Ebene, der beharrlich auf den Geist hinweist, der hinter jeder äußeren Form und hinter jedem Buchstaben liegt" (Y. Congar).
Propheten haben ihre Zeit. "Unter welchen Bedingungen stehen Propheten auf? Man kann ganz einfach sagen: dann, wenn sie notwendig sind! Aber wann ist das der Fall? In Zeiten, in denen die Gemeinschaft ihre Berufung vergessen hat und irgendwie unbeweglich und selbstzufrieden geworden ist.
Sie kann dann ihre Sendung nicht mehr erfüllen, weil sie nicht mehr sieht, worin diese Sendung besteht. Wenn das Volk durch Krieg, geschickte Politik und erfolgreiche Wirtschaft zu irdischem Wohlstand gelangt war, vergaß es leicht, dass es abhängig war von Gottes Ruf und dass darin sein ganzer Sinn lag. Es war sich nicht mehr bewusst, Gottes Volk zu sein. Es glaubte dann, sich selbst zu gehören und Gott auf der eigenen Seite zu haben. Die Sendung der Propheten bestand dann wesentlich darin, dem Volk seine Berufung ins Gedächtnis zu rufen". (R. Haughton)
CCFMC, Lehrbrief 5, C 4

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