Für Franziskus ist das Beispiel der eigenen Lebensführung die erste Methode der Evangelisierung. Darum dürfen Franziskaner niemals den Ruf zur Buße aufgeben, der zu einem Leben nach seinem Vorbild gehört.
Gleichzeitig schrieb Franziskus in der nicht bullierten Regel, die Brüder sollten das Evangelium nur dann ausdrücklich verkünden, wenn es Gott gefällt. Wir glauben, dass Gott uns durch "die Zeichen der Zeit" zu verstehen gibt, dass dieser Zeitpunkt, von dem Franziskus spricht, noch nicht gekommen ist. In vielen muslimischen Ländern kann das Evangelium noch nicht offen verkündet werden. Der Islam erneuert sich. Besagt diese Tatsache nicht deutlich genug, dass wir auf den Augenblick Gottes warten und uns in Gottes Hand geben müssen, wie Franziskus es tat?
Dennoch sind wir überzeugt, dass Gott am Werk ist. Der Heilige Geist kommt uns zuvor. Viel Positives geschieht ohne unser Zutun. Gottes Heilsplan verwirklicht sich unabhängig von unserem Wissen oder Wollen. Wir beten ihn darin an. Die heutige Wiederbelebung des Islam kann als erneute Hinwendung zum Gotteswort und zur Unterwerfung des Menschen unter Gottes Willen gedeutet werden. Dieser Gedanke war dem Herzen des hl. Franziskus teuer:
"Jegliche Kreatur, die im Himmel, auf der Erde, im Meer und in den Tiefen ist, soll Gott Lob, Herrlichkeit, Ehre und Benedeiung erweisen (Offb 5,13), weil er unsere Kraft und Stärke ist, er, der allein gut ist, allein der Höchste, allein allmächtig, bewundernswert, herrlich und allein heilig, lobwürdig und gepriesen durch die unendlichen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen" (2 Gl 61ff.).
Das Zeugnis eines wahrhaft franziskanischen Lebens; unsere Tätigkeit für die Armen; unser Einsatz für soziale Gerechtigkeit und für die Menschenrechte, je nach der Situation in den verschiedenen Ländern; unsere Offenheit und unser Einfühlungsvermögen gegenüber den Menschen; unsere geduldige Abhängigkeit von Gottes Willen: all das sind Aufgaben, die uns zur Genüge überzeugen dürften, dass wir unsere franziskanisch-missionarische Berufung heute erfüllen können.
Diese Vision unserer franziskanisch-missionarischen Berufung entspricht dem Vorgehen des hl. Franz in der Welt des Islam. Dem Gebot Gottes folgend, der zu ihm sprach: "Baue meine Kirche auf!" versuchte er sanft, aber entschieden die Haltung der Kirche zur Umkehr zu bringen, auch was den Islam betrifft. Er wollte die Kirche unter den Muslimen sehen als eine arme und dienende Kirche, machtlos und sich mit den an den Rand der Gesellschaft Gedrängten identifizierend.
So zu leben fällt niemandem leicht. Wenn wir uns aber an die Erfahrung der "Vollkommenen Freude" erinnern, die Franziskus gemacht hat, kann es uns zur "Kenosis" (= Entäußerung) echter Jüngerschaft verhelfen. Unter der Teilung des Geistes wird die Erfahrung fruchtbringend, weil sie uns die Augen öffnet für positive Werte des Islam.
Tatsächlich wurde uns im Verlauf unserer vielen Gespräche klar, dass es beim Dialog gerade um solche Erfahrungen geht: Er fordert von uns die Bereitschaft, uns selbst anderen hinzugeben und die anderen als "andere" zu akzeptieren. Es geht also nicht um die Frage, welche Religion "recht hat" und bis zu welchem Grad. Es geht vielmehr darum, sich der Wahrheit, die im anderen Menschen ist, zu öffnen. Nur so können wir Christen und Muslime hoffentlich unsere gemeinsamen Interessen und Probleme erkennen. Dann lernen wir zu schätzen, dass uns gewisse menschliche Werte und Nöte gemeinsam sind, für die wir auch gemeinsame Lösungen suchen müssen, immer im Bewusstsein, dass wir die Wahrheit nicht besitzen, sondern dass sie uns besitzt.
Lehrbrief 16, C 4.d

zurück
Druckversion