Die franziskanische Option für die Armen
Die Zahl der Armen wächst, und zwar weltweit; also nicht nur in den traditionellen Armutsregionen in den Kontinenten des Südens, sondern auch in den reichen Indus-trienationen des Nordens. Und das, obwohl dort nie dagewesener Reichtum angehäuft ist. Offensichtlich sind das rechte Maß und das Gespür für Verteilungsgerechtigkeit abhanden gekommen.
Von Franziskus könnten wir lernen, dass es anders geht. Er hat seinen Weg radikaler Armut zu einer Zeit begonnen, als das Bürgertum mit der aufkommenden Geldwirtschaft das große kapitalistische Projekt startet; ein Projekt, das aus der Perspektive der Opfer so viel Unrecht in die Welt gebracht hat. Er konnte ihn wagen, weil „der Herr ihm Brüder gegeben hat“. Mit seiner Entscheidung für die Armen wird das selbstzufriedene und auf sich bezogene Bürgertum in Frage gestellt und eine Alternative gezeigt. Franziskus spürt intuitiv, dass die neu entstehende Gesellschaft einerseits auf dem Prinzip der Aneignung beruht, das andererseits auf Enteignung gründet. Angehäufter Wohlstand hat immer auch die Armut anderer zur Folge. Er dagegen identifiziert sich ganz mit den materiell Armen und mit dem armen Christus. Denn behindert – so glaubt Franziskus - wird die Begegnung mit Menschen und mit Gott durch das Streben nach Besitz, oder durch Interessen, die Menschen entzweien. Besitztümer werden Ersatz für Beziehungen, weil sie angeblich eher Sicherheit vermitteln als Menschen. Das franziskanische Projekt will dagegen, dass sich die Menschen auf gleicher Ebene begegnen und geschwisterlich miteinander umgehen.
Das ist wahrlich die Vision von herrschaftsfreier Kommunikation und Gleichberechtigung. Er sagt auch, wie das geht: Die Brüder sollen „durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen". Das heißt: hinhorchen auf die Bedürfnisse des anderen, das Leben der Gemeinschaft, auf den Anruf Gottes hier und jetzt. Es ist auch hier die Spur Jesu, der Franziskus mit Entschiedenheit folgt: nicht länger die Machtspiele unter Erwachsenen, nicht länger das Machtgerangel um die besten Plätze und Positionen, nicht länger die Angst, zu kurz zu kommen.
Natürlich braucht es im Zusammenleben einer Gemeinschaft auch Ordnungen und Absprachen, aber die sollen so einfach wie möglich sein. Also keine Herrschaftsallüren, keine Besitzstände, keine Bevormundung - das ist die Vision des Franz von Assisi, die Vision von einer geschwisterlichen Menschheit. Mehr noch: es geht ihm um eine kosmisch-ökologische Demokratie mit allen Geschöpfen. Das Verhältnis zur Natur darf kein Verhältnis des Besitzes sein, sondern des Zusammenlebens und der Geschwisterlichkeit. All das erwächst aus der als Lebensform gelebten Armut; sie ermöglicht Achtung und Verehrung gegenüber allen Kreaturen und Elementen der Schöpfung. Von daher mündet die Armut in eine immense Freiheit und in eine uneigennützige Freude an allen Dingen.
Ist diese Vision vom geschwisterlichen Leben auf dieser Erde deshalb so faszinierend, weil wir sie kaum für realistisch halten und doch so dringend ersehnen? Hellsichtig hatte der Gottesnarr aus Assisi gespürt, dass ein in Besitz verliebtes Leben Solidarität zerstört und Mitgeschöpflichkeit gefährdet. Deshalb wollte er ganz besitzlos sein, deshalb wollte er alles geschwisterlich geteilt und verteilt sehen, deshalb seine Herrschaftskritik und sein Verdacht gegenüber den Machthabern in Staat und Kirche. In Zeiten sozialer Umverteilung und Kälte ist diese franziskanische Gottes- und Menschenvision aktueller denn je.
Andreas Müller OFM
Afrika
Kenia
Ein großer Tag für die Franziskanische Familie im englischsprachigen Afrika
Vor zehn Jahren wurde in Nairobi das franziskanische Zentrum Portiunkula eingeweiht. Das Haus hatte zwei Zweckbestimmungen: als Haus der „Franziskanischen Familie Afrikas“ (FFA) und als Zentrum für die Promotion des CCFMC in Afrika. Eigentümer ist die „Franciscan Family Association.“ Eines der Hauptziele von Anfang an war eine solide Ausbildung von Schwestern und Brüdern in franziskanischer Spiritualität. Die bescheidene Größe des Hauses setzte diesem Anliegen freilich enge Grenzen. Bedenken wir, dass etwa 30.000 Franziskanerinnen und Franziskaner in Afrika leben und dienen. Eine Erweiterung war deshalb schon lange ein sehnlicher Wunsch.
Vor etwa drei Jahren erteilte der Vorstand der FFA deshalb Fr. Hermann Borg den Auftrag, die Planung und Finanzierung eines Erweiterungsbaus auszuloten. Mit seiner zupackenden Art gelang es ihm sehr bald, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Am 18. September 2010 konnte das neue Haus eröffnet und eingeweiht werden. Es war wahrlich ein großer Tag für die Franziskanische Familie in Afrika.
Alles, was zu einem feierlichen afrikanische Gottesdienst gehört, wurde aufgeboten: liturgische Tänze, ein schwungvoller Chor, eingeübt und dargeboten von jungen Schwestern aus mehreren Kongregationen; dazu die klassischen afrikanischen Trommeln und Musikinstrumente. Die Festpredigt hielt der OFM-Provinzial, Fr. Sebastian.
Eine beeindruckende Darstellung der Stigmatisation von Franziskus auf Alverna sowie schwungvolle Gesangseinlagen junger Franziskaner unter der Leitung der „Kleinen Schwestern von Franziskus“ rundeten die Feierstunde ab. Schließlich wurden die etwa 300 Gäste noch mit einem festlichen Essen sowie Kaffee und Kuchen verwöhnt. Nach rund fünf Stunden konnten sie bereichert und frohgemut ihre Heimreise antreten.
Fr. Hermann Borg weist in einem separaten Beitrag darauf hin, dass das Franziskanische Zentrum für die Armen, für Straßenkinder, für Aids-Patienten, für Blinde, Kranke und Sterbende, aber auch für Schüler und Studenten, ein Ort der Hoffnung sei. Das Zentrum sei wichtig, um das Bewusstsein für die franziskanischen Ursprünge und ihre Geschichte lebendig zu halten. Der Dialog mit anderen Religionen werde ebenso fortgeführt werden wie die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen. „Unsere Präsenz in Afrika ist nötig und erwünscht,“ betont Fr. Hermann und bittet um Spenden, damit die noch vorhandenen offenen Rechnungen beglichen werden können.
Früchte des CCFMC-Seminars mit P. Andreas Müller
Im Anschluss an die Einweihungsfeierlichkeiten im franziskanischen Zentrum in Nairobi fand dort vom 19. bis 21. September 2010 ein Seminar zum Grundkurs zum franziskanisch-missionarischen Charisma statt. Sr. Patrizia berichtet:
- Was fehlt heute in unserem franziskanischen Leben?
- Was bedeutet Mission in unserem Franziskanischen Leben?
- Wie sieht unsere Gesellschaft heute aus?
Mit großer Offenheit und Engagement nannten die Seminarteilnehmer Mängel in der Gesellschaft, in den Familien aber auch in der Kirche. Selbstkritisch wurde angemerkt, dass die Franziskaner zwar ein reiches Charisma hätten, dieses aber häufig nicht in ihrem Leben wirksam werden ließen, dass es vielfach an Engagement fehle, dass man in den Gemeinschaften und Kommunitäten oft nur ein bequemes Leben führe.
Mit einer Einführung in den Lehrbrief 1 eröffnete Pater Andreas den zweiten Tag. Aktiv wie schon am ersten Tag, arbeiteten die Teilnehmer an den Texten und vor allem an den Fragen, die der Lehrbrief enthält. Mit ganz besonderem Interesse und reger Beteiligung beschäftigte die Seminarteilnehmer am dritten Tag das Thema Franziskanische Familie. Welche Voraussetzungen, Eigenschaften und Haltungen müssen gegeben sein, dass Familie gelingt? Gilt das auch für die Ordensfamilie? Der Austausch zeigte, dass darüber offen und ehrlich diskutiert wurde. Wir sind noch auf einem mühsamen Weg zur idealen Franziskanischen Familie.
Was bleibt zu tun? Das war die Frage, mit der die Teilnehmer zum Abschluss des Seminars konfrontiert wurden. Einige der vielen Antworten:
- Der CCFMC muss mehr Mitglieder des weltlichen Dritten Ordens als Kursleiter ausbilden, um eine dynamische franziskanische Jugend heranbilden zu können.
- Verstärkte Fortbildung von Kursleitern.
- Die Netzwerkarbeit und Vernetzung muss verstärkt werden.
- Das Afrika-Zentrum in Nairobi muss ein gutes Beispiel für Netzwerkarbeit werden.
- Der Süden muss mehr eigene Verantwortung für den CCFMC übernehmen.
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Finanzielle Nachhaltigkeit ist eine große Herausforderung;lokale Finanzierungsstrategien müssen entwickelt werden.
- Aktivitäten zur finanziellen Unterstützung des CCFMC entwickeln.
- Franziskanisches Charisma darf sich nicht nur akademisch präsentieren.
- Das CCFMC-Zentrum muss gestärkt werden.
- Ordensobere und Hausobere müssen überzeugt werden, dass der CCFMC für sie ein wichtiges Instrument ist; konkret in Südafrika soll ein Neuanfang gestartet werden.
- Einbindung von Franciscans International und Menschenrechtsgruppen in den CCFMC.
- Ein Newsletter für Afrika.
Bleibt noch zu sagen: Den Abschluss bildete ein „Ubuntu“-Festmahl und afrikanischer Tanz aller, die am Seminar teilnahmen.
Junge Franziskaner wollen in ganz Afrika aktiv werden
Mit der Bildung einer YouFra-Arbeitsgruppe für ganz Afrika ist am Rande der Feierlichkeiten zur Einweihung des Portiunkula-Neubaus und im Anschluss an ein CCFMC-Seminar in der kenianischen Hauptstadt Nairobi eine wichtige Entscheidung für das franziskanische Leben in Afrika gefallen.
„Die Seminarteilnehmer begriffen die Ausführungen von P. Andreas Müller zu den CCFMC-Lehrbriefen, in denen die weltliche Dimension der Franziskaner dargestellt wird ... als Aufforderung. Sie schlugen daher vor, dass Jugendliche in ganz Afrika angesprochen werden sollen. Zu diesem Zweck sollen YouFra-Gruppen in allen jenen Ländern eingerichtet werden, in denen diese noch nicht existieren, und bestehende YouFra-Gruppen sollen unterstützt werden,“ berichtet Veronica N. Irungu (OFS).
Zu den Zielen, die sich dieses neue Team gestellt hat, gehört vor allem die Verbreitung des franziskanischen Charismas unter der Jugend Afrikas durch Evangelisation; Erneuerung des franziskanischen Charismas durch die Jugend; Förderung des Dienstes an den Armen und Ausgegrenzten; Pflege und Förderung einer Kultur des Friedens in der afrikanischen Gesellschaft im Geist von Franziskus und Klara. Erreicht werden sollen diese Ziele unter Inanspruchnahme bestehender kirchlicher und Ordensstrukturen sowie in Zusammenarbeit mit dem CCFMC.
Europa
Rumänien
Franziskanische Familie auf Spiritualitätskurs
Zu ihrem zweiten Treffen ist die franziskanische Familie Rumäniens Anfang September im Theologischen Institut der Franziskanerkonventualen in der nordostrumänischen Stadt Roman zusammengekommen. Der ausführliche Bericht von Schwester M. Lydia steht ganz unter dem noch frischen und intensiven Eindruck dieser Veranstaltung:
An der dreitägigen Veranstaltung vom 2. – 4. September 2010 nahmen etwa 100 Schwestern und Brüder aller Ordenszweige teil. Sie kamen aus den verschiedenen Landesteilen - Bukarest, Galati, Arad, Timişoara, Caransebeş, Oradea, Cluj und Braşov. Erfreulich waren die vielen jungen Brüder und Schwestern und auch die gute Zahl von FG–Mitgliedern. Zu den geladenen Gästen aus dem Ausland gehörten P. Thaddée Matura OFM aus Frankreich und P. Andreas Müller vom CCFMC-Zentrum in Würzburg, dessen Anwesenheit besonders wichtig und hilfreich war.
Vor allem der erste Tag dieses Treffens der Franziskanischen Familie Rumäniens stand ganz im Zeichen des CCFMC. Nach der von Provinzial P. Emilian Cătălin OFMConv geleiteten Eucharistiefeier und dem symbolischen Entzünden von Kerzen für die 18 franziskanischen Gemeinschaften in Rumänien, führte P. Alexandru Olaru OFMConv die Teilnehmer mit zwei Vorträgen in die Grundlagen des CCFMC ein. „Dieser Spiritualitätskurs,“ berichtet Schwester M. Lydia zusammenfassend, „bietet Einsichten an, und bewirkt gleichzeitig interkulturellen Dialog, wobei die Impulse der franziskanischen Familie aus allen Kontinenten und Kulturen kommen. Der Kurs lädt alle Mitglieder der franziskanischen Familie und auch andere interessierte Personen aus der ganzen Welt ein, sich die aktuelle Situation der Erde aus der franziskanischen Perspektive und auf der Basis internationaler Erfahrungen anzusehen.“ Ein wichtiger Aspekt sei es, die individuelle und die gemeinschaftliche Verantwortung ebenso aber auch Möglichkeiten
An dieser Stelle ergriff Pater Andreas Müller, maßgeblicher Organisator und Koordinator des CCFMC von den allerersten Anfängen an, das Wort und hielt ein engagiertes Plädoyer für das Anliegen des Kurses, der die Chancen und Möglichkeiten der Franziskanischen Familie in Gesellschaft und Kirche stärken und aktivieren könne.
In seiner Präsentation des zweiten Lehrbriefes des CCFMC ging P. Lucian Dumea OFMCap vor allem auf das von Gott gesegnete Charisma des Heiligen Franz ein und erläuterte den Aufbau der großen franziskanischen Familie mit seinen vielen Ordenszweigen.
Eingebettet in das dreitägige Treffen war auch eine Pilgerreise in die orthodoxen Klöster Neamt, Agapia und Văratec, verbunden mit kontemplativen Augenblicken und einer Reflexion über die Haupttugenden, die Franziskus als grundlegend betrachtete.
Schwester M. Lydia beschließt ihren Bericht über das Treffen in Roman mit den Worten einer Teilnehmerin: „In diesen Tagen hat sich mein Herz geweitet, weil mir erneut in der Einfachheit meines Herzens und im franziskanischen Geist bewusst wurde, dass ich berufen bin, Zeugnis zu geben und mich dabei nicht zu fürchten, weil auch ich ein Traum Gottes bin“.
Lateinamerika
Brasilien
Goiânia: CCFMC-Seminar zur Vertiefung des missionarischen Charismas
Die missionarische Dimension des franziskanischen Charismas mit Hilfe des Grundkurses zum franziskanisch-missionarischen Charisma (CCFMC) vertiefen und feiern; das war das zentrale Anliegen eines Treffens, das die Franziskanische Familie des brasilianischen Bundesstaates Goiás am 14. und 15. August 2010 in der Stadt Goiânia abgehalten hat.
Die Ergebnisse der Gruppenarbeit zeigten, dass nach einer intensiven und kreativen Beschäftigung mit den Lehrbriefen deren Inhalte nicht nur verstanden, sondern auch - bezogen auf die Gegebenheiten unserer Zeit – unbefangen neu gelesen und interpretiert wurden. Daraus ergebe sich eindeutig die konkrete Schlussfolgerung, wie wertvoll der CCFMC als Hilfsmittel für die theoretische und praktisch gelebte Verbreitung des Charismas von Franziskus und Klara für unsere Tage ist, schreibt Maria Fachini in ihrem Bericht über dieses Seminar.
Belo Horizonte: CCFMC-Referenten in der Weiterbildung
Unter der fachlichen Beratung von Schwester Maria Fachini ging es bei dieser Fortbildungsveranstaltung vor allem darum, die Inhalte der Lehrbriefe im Lichte der aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu vermitteln. Die Teilnehmer wurden ermuntert, in ihrer Fortbildungsarbeit neben den Lehrbriefen, begleitenden Feierstunden sowie anderen Materialien vor allem auch ihr Engagement und ihre Begeisterung für das Charisma einzusetzen.
Zeichen der Zeit
Alternative Nobelpreise - Wandel von unten
KOPENHAGEN. Für den "Wandel von unten" werden israelische und palästinensische Ärzte, Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten aus Nigeria und Nepal und der in Brasilien tätige österreichische Bischof Erwin Kräutler in diesem Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Mit dem seit 1980 vergebenen Preis der Right Livelihood-Stiftung sollen "praktische und beispielhafte Antworten auf die dringendsten Herausforderungen unserer Zeit" belohnt werden. Er ist mit 200 000 Euro dotiert und wird am 6. Dezember im schwedischen Parlament überreicht.
Die Ärztegruppe "Mediziner für Menschenrechte" (PHRI),
Der Bischof Erwin Kräutler (71),
Nnimmo Bassey (52) aus Nigeria,
Shrikrishna Upadhyay (65), Nepal,
Aus: tagesschau.de. von 4.10.2010

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