„Es gibt noch viel zu tun“
Das Evangelium erfahrbar machen. Das ist der Auftrag der Kirche. Und das ist die Mission franziskanischer Menschen. Wir haben eine gute Nachricht zu überbringen, die Nachricht von einem Gott, der liebt und mit-leidet und befreien will. Also müssen wir zuallererst Hörende sein, um die Nachricht zu verstehen. Nur dann können wir erahnen, worauf es Gott ankommt. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott“ (Jes 40,1). „Redet Jerusalem zu Herzen“, lässt er den Propheten Jesaja verkünden. Besser kann man es nicht sagen. Das Wort Gottes kommt aus einem liebenden Herzen und zielt auf unser Herz.
Die Franziskanische Bewegung ist in diese prophetische Tradition eingebunden. Wir sind dazu da, ganz Ohr zu sein für das, was Gott uns sagt, um dann das Empfangene mit ganzer Kraft weiterzugeben. „Das Herz spricht zum Herzen“, wie Kardinal Newman sagt. Nur so können die Menschen erahnen, wie Gott ist; nämlich ein menschenfreundlicher, sich um sie sorgender Gott.
Doch wenn wir erkennen wollen, was dieser Gott heute von uns will, dann müssen wir – nach Augustinus - zwei Bücher lesen: das Buch des Lebens (die Zeichen der Zeit) und die Bibel. Das heißt, wir müssen das erste Buch (Buch des Lebens) überprüfen mit den Kriterien des Evangeliums. Mit anderen Worten: wir müssen in der einen Hand die Zeitung, in der anderen die Bibel haben – in dieser Reihenfolge.
Der Aufbruch nach dem Konzil ist erlahmt. Und das Vertrauen in die Institution Kirche schwindet immer mehr. Die Zeit der Visionen ist einer Zeit gewichen, die von Karl Rahner oft mit „winterlicher Kirche“ umschrieben wurde. Aber Rahner hat dann auch gesagt, „dass solche Zeiten zu einer radikalen Konzentration führen können, in der die Kirche sich wieder auf ihre Wurzeln und ihren Grund besinnt. Und dann, wenn die Kirche wirklich jenen Grad an Radikalismus besäße, der von der Sache her eigentlich geboten wäre, dann müsste es Frühling werden in der Kirche.“ Das will sagen: völlige Konzentration auf Jesus Christus selbst, der das Leben der Kirche ausmacht.
Einer, der das auf geradezu geniale Weise vermochte, ist Franz von Assisi. Die Bibel wurde ihm zur immer sprudelnden Quelle des geistlichen Lebens. Das Evangelium leben, es in der Kirche und Gesellschaft wieder erfahrbar machen, ist ihm das Wichtigste. Das ist ihm auf eine Weise gelungen, dass er der „alter Christus“, der andere Christus genannt wurde. Er hat dem Evangelium wieder ein Gesicht gegeben, in dem wir Menschen den menschenfreundlichen, demütigen, sich um uns sorgenden Gott erkennen konnten. Das zu leben, ist die Sendung franziskanischer Menschen, der Kern der franziskanischen Spiritualität.
„... es gibt noch viel zu tun. Wir befinden uns im Aufbruch. Der Weg, den wir gehen, führt uns zu den Wölfen. Wir fürchten sie nicht. Wir lieben sie. Denn sie sind unsere Brüder. Sie haben ein Recht darauf, dass wir ihnen Rede und Antwort stehen. Das ist unser Auftrag. Darin besteht Mission.“ So resümiert Prof. Elmar Klinger seinen Vortrag in Frascati, den wir in dieser Ausgabe vorstellen und im Wortlaut anbieten. Es ist gut, uns von einem Außenstehenden sagen zu lassen, was franziskanische Theologie und Spiritualität heute zu sagen hat: „Die franziskanische Bewegung kann auf dem Boden ihrer Spiritualität richtungsweisend in der Kirche einen Schwerpunkt setzen. Denn sie ist mit der Welt von heute aufs engste verbunden. Sie stand an ihrer Wiege und hat sie mit aus der Taufe gehoben.“
Andreas Müller OFM
Die franziskanische Prophetie in der Kirche
