Umdenken und Handeln wider die herrschende Logik
Wir kennen das. Probleme spitzen sich zu, doch wir reagieren darauf immer mit den gleichen Strategien, die die Probleme auch bisher nicht gelöst haben. In der Politik sind es oft parteipolitische Ideologien, die wie unabänderliche Glaubenssätze daherkommen und neues Denken verhindern. Doch die Angst vor Veränderungen, die mühsam errungene und lieb gewonnene Denk- und Lebensmuster infrage stellen, ist uns allen nicht fremd. Gewiss, Klimaschutz ja, aber doch nicht so, dass ich meine Konsum- und Mobilitätsgewohnheiten radikal ändern müsste. Das ist das Dilemma. Probleme sollen gelöst werden, aber dann bitte schön doch so, dass nicht alles anders wird.
Genau das mutet uns Jesus aber zu. Er lebt in einer zerrissenen und hasserfüllten Welt. Israel ist ein besetztes und ausgebeutetes Land, die Herrschenden sichern ihre Macht mit strengen Regeln ab, die Armen sind nichts wert. In dieser Situation stellt er die gültigen Denkmuster geradezu auf den Kopf. Als Jesus die vielen Menschen in all ihren Nöten sieht, sagt er ganz ungewöhnliche Dinge. Die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen und Hungernden werden gepriesen; denen, die barmherzig sind, die Frieden stiften und für Gerechtigkeit kämpfen, gehört das Himmelreich. Es ist die berühmte Bergpredigt, die das herrschende Denken und Handeln radikal hinterfragt. Seine Aufmerksamkeit gilt nicht den Reichen, sondern den Armen. Seitdem gilt die Bergpredigt als die Magna Charta für neues Denken und Handeln. Sie ist der Traum von einer anderen Welt, an der Menschen im Laufe der 2000-jährigen Geschichte des Christentums immer wieder Maß genommen haben.
In diese Linie lässt sich auch die gewaltfreie Revolution in Osteuropa einreihen. In Polen, Tschechien, Ostdeutschland schöpften viele Menschen die Kraft aus der Bergpredigt, um gegen Gewalt und starres Blockdenken der Herrschenden anzugehen. Michael Gorbatschow hat mit seiner Perestroika und Glasnost den ersten Spalt eines geschlossenen Systems aufgemacht, mutige Christen haben die Chance genutzt, um eine in Blöcken erstarrte Welt aufzubrechen und zu verändern.
Das Undenkbare wurde auch in Südafrika möglich, als der weiße und konservative Bure und Präsident Willem de Klerk die Jahrhunderte alte Apartheid beendete und den Jahrzehnte inhaftierten Freiheitskämpfer Nelson Mandela frei ließ. Als dieser dann selber Staatspräsident wurde, brach auch er mit der eingefahrenen Logik. Er unterdrückte nicht jene, die unterdrückt hatten, und propagierte nicht Rache, sondern Versöhnung.
Nicht zuletzt die Kirche selbst hat immer wieder erlebt, dass es mutiger Menschen bedurfte, Männer und Frauen, die sie an diese Grundregeln des Evangeliums zurückerinnern mussten, um eingefahrene Denkmuster aufzubrechen. Franziskus hat einer feudalen und mächtigen Kirche den armen Jesus von Nazareth und die Armen als seine ersten Adressaten wieder in Erinnerung gebracht. Johannes XXIII hat mit der Konzilsankündigung Türen und Fenster geöffnet, um die Kirche zukunftsfähig zu machen. Die Lateinamerikanische Kirche hat in Medellín und Puebla mit der 500-jährigen Praxis der Patronatskirche gebrochen und mit dem Standortwechsel weg von den Reichen und Mächtigen auf die Seite der Armen eine „neue Art von Kirchesein“ möglich gemacht.
Es braucht immer Menschen, die die herrschende Logik durchbrechen – in der Politik, der Gesellschaft, der Kirche. Die genannten Beispiele zeigen, dass Umdenken möglich ist. Es kommt auf uns an, dazu einen Beitrag zu leisten.
Andreas Müller OFM
CCFMC – Zentrum
Sitzung des Internationalen Leitungsteams in Frascati: Berichte
Zu unserem Treffen haben wir Impulsgeber eingeladen, die auf die besondere Aktualität der franziskanischen Theologie und Spiritualität angesichts der Herausforderungen von heute aufmerksam machen sollten. In dieser und den nächsten CCFMC-News werden wir Zusammenfassungen dieser Referate veröffentlichen. Den Anfang macht das Referat von Professor Mario Cayota:
„Visionen franziskanischer Laien in Kirche und Welt“
Welche Rolle spielt die franziskanische Laienbewegung heute in der katholischen Kirche und in der Welt, welche könnte oder sollte sie spielen? Welchen Herausforderungen muss sie sich stellen angesichts der Entwicklungen in der Kirche und Welt? Diesen Fragen stellte sich Prof. Mario Cayota, Botschafter Uruguays beim Heiligen Stuhl, mit seinem Impulsreferat vor den Teilnehmern der Internationalen Board-Sitzung des CCFMC Ende Oktober 2009 in Frascati. Mario Cayota ist Mitglied des Weltlichen Dritten Ordens, Professor für Geschichte, Buchautor zur Geschichte der Franziskanermission in Lateinamerika; er war Gründer der Partei der Christdemokraten und Parlamentspräsident in Uruguay. Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Anliegen dieses prominenten Mitglieds in der franziskanischen Laienbewegung zusammen. Das ganze Referat bieten wir den Lesern im nachstehenden Download an.
Das Zweite Vatikanische Konzil und seine Ergebnisse sind nach Auffassung von Cayota ganz wesentlich verbunden mit der Persönlichkeit von Kardinal Celso Costantini. Er war einer der engsten Vertrauten von Papst Johannes XXIII; er stand den Ideen des seinerzeit verbotenen und heute selig gesprochenen Pater Antonio Rosmini nahe. „Heute so gut wie vergessen ist jedoch, dass er 1939 in einem nunmehr eindeutig zugeordneten Dokument die Einberufung eines Konzils vorwegnimmt und schon die Themen formuliert, die grundlegend sind für die Vision und die Reformen des Zweiten Vatikanums“, sagte Cayota wörtlich. Die „kostbaren Früchte“ dieses Konzils sollten als „Beginn und nicht als Höhepunkt“ einer Erneuerungsbewegung gesehen werden. Diese Bewertung sei eines der akuten Probleme in der Kirche von heute. War das Konzil der Höhepunkt oder ist nur der Anfang? Diese Frage bewege die Kirche und ihre Mitglieder. Wir können jedoch feststellen, dass es viele Bereiche gibt, in denen es keinen Bruch mit dem Konzil gegeben hat. Ein Beispiel dafür seien die Basisgemeinden in Brasilien.
„ ... Ich bin überzeugt, dass das Zweite Vatikanum nicht abgeschlossen ist, und beziehe mich nicht darauf, was es gelehrt hat, sondern darauf, wie es in die Praxis umgesetzt worden ist. Besonders klar trifft dies in Bezug auf die Laien zu. In den Konzilsdokumenten stehen dazu wunderbare Gedanken. Doch gegenwärtig nehmen wir Laien nicht den uns gebührenden Platz ein und werden nicht einmal angehört.“ Mit diesem herausfordernden Satz tritt Mario Cayota ins Zentrum seines Referats – die Rolle der Laien in der Kirche. Mit der jetzigen Situation sollten sich die Laien aber nicht einfach abfinden. Vielmehr sollten sie in eigener Verantwortung handeln und den ihnen zustehenden Platz einnehmen. „Wir sollten einfach nur dort sein, wo das Konzil uns hinstellt,“ betont Cayota. Dies gelte in ganz besonderer Weise für die franziskanischen Laien, den Weltlichen Dritten Orden.
Es sei bedauerlich festzustellen, dass es in jüngster Zeit Tendenzen gebe, die Laien zu „klerikalisieren.“ In dem so großartigen Dokument von Aparecida gebe es leider keine klare Aussage über die Rolle und das Engagement der Laien in der Welt, obwohl dieses Thema ein eigenes Kapitel verdient hätte. Auch in der jüngsten Enzyklika von Papst Benedikt XVI „Caritas in veritate“ fehle eine ausdrückliche Erwähnung der Aufgabe der christlichen Laien; dies sei um so erstaunlicher, als es sich doch um eine Sozialenzyklika handele und es „unsere Aufgabe ist, in der Welt Zeugen der Liebe in Wahrheit zu sein.“
Für die franziskanische Laienbewegung ist es Mario Cayota zufolge erforderlich, aus eigener Kraft die Spiritualität zu stärken, die sich aus den sozialen Verpflichtungen ergeben. Er plädiert dafür, dass Laientheologen diese Aufgabe übernehmen könnten, die bisher Priester und Bischöfe für die Laien wahrgenommen haben. Wichtig sei aber auch, sich von der Auffassung zu verabschieden, dass Theologie nur in Europa kompetent betrieben werde. Diese Auffassung habe sich unter anderem im Umgang mit der Theologie der Befreiung gezeigt. Kulturelle Kolonisierung, betont Cayota, „ist immer die schlimmste.“
Wichtig in diesem Zusammenhang sei es, das franziskanische Charisma zu kennen. Dabei sei der CCFMC eine unschätzbare Hilfe, merkt Mario Cayota an. „Wir sollten unbedingt diesen außergewöhnlichen Fundus nutzen, um in unserer authentischen Spiritualität zu wachsen und um zu vermeiden, dass wir gewissen abwegigen Spiritualismen verfallen.“
Zu den Herausforderungen der franziskanischen Laien in der heutigen Welt gehöre nicht nur das soziale Engagement, auch wenn dieses angesichts der Armutsentwicklung weit im Vordergrund stehe, sondern auch Fragen der Gentechnik, der transnationalen Pharmaindustrie, der Migrationsproblematik, der Globalisierung, des Fundamentalismus. Eine Frage von besonderer Bedeutung sei auch die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche. Dazu gäbe es gute Aussagen in den Konzilsdokumenten.
Abschließend geht Mario Cayota auf die Frage ein, welches die Aufgaben der franziskani-schen Laien heute sind. Seine Antwort: „Wir sollen Zeugen Jesu sein in der Welt ... Das Wort Märtyrer bedeutet ursprünglich Zeuge. Seien wir also mit unserem ‚Martyrium’ Licht und Salz in der Welt, in der wir leben...“
Download:
http://www.ccfmc.net/wDeutsch/ccfmc/bibliothek/charisma/2010_Visionen.shtml?navid=112
http://www.ccfmc.net/wDeutsch/ccfmc/bibliothek/charisma/2010_Visionen.pdf
Nachgelesen
Im Anschluss an das Referat wurden die Anliegen und Vorschläge von Cayota in Kleingruppen diskutiert und vertieft. Der erfahrene Universitätsprofessor Cayota hatte für sie folgende Fragen mitgegeben:
· Welche Antworten gibt es auf den Konsumismus und Individualismus? Ist eine persönliche Antwort ausreichend?
· Wie kann man soziale Bewegungen unterstützen, die solidarische Werte zu ihrem Ziel erklären?
· Welche Chance zur Weiterführung hat die franziskanische Prophetie, die in der Geschichte eine so wichtige Rolle spielte?
· Wie kann die Weiterbildung der Laien erfolgen?
· Wie kann der Kampf gegen Armut geführt werden?
· Welche Möglichkeiten zur Förderung der Frauen gibt es?
· Wie kann im 21. Jahrhundert franzis-klarianische Spiritualität gelebt werden?
Kritisch gesehen und angemahnt wurde die spirituelle Ausbildung in der franziskanischen Familie, die oft noch veraltet und formalistisch ist und diese aktuellen Probleme gar nicht in den Blick nimmt. Das gelte vor allem für die Ausbildung der Mitglieder des Dritten Ordens, wurde übereinstimmend festgestellt. „Die Welt der Laien muss entklerikalisiert werden,“ d.h. das Warten auf den Priester kann nicht die Lösung sein. „Wir brauchen mehr ausgebildete Laien“. Der Kurs zum franziskanischen Charisma ist ein geeignetes und wichtiges Instrument für dieses Ziel. Er hilft uns, den Reichtum der franziskanischen Spiritualität wiederzuentdecken und ihn in unsere Zeit zu übersetzen, damit wir die heutigen Herausforderungen annehmen und bestehen können. Wir brauchen Menschen, die von ihrer franziskanischen Berufung Zeugnis geben; Menschen, die diese Berufung nicht verstehen als einen Weg zum eigenen Glück, sondern als einen Auftrag, die Welt ein wenig gerechter zu gestalten. Dafür sind Netzwerke erforderlich. Die zahlreichen Bewegungen und Organisationen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung engagieren, müssen uns an ihrer Seite wissen, wenn wir unseren franziskanischen Auftrag heute ernst nehmen. Es gibt ermutigende Beispiele, dass der CCFMC genau diese Befähigung vermitteln kann, wenn Schwestern und Brüder den Mut haben, ihren „Weltdienst“ in dieser Weise zu verstehen.
Haiti: Franziskaner melden sich aus dem Erdbebengebiet
Drei Einrichtungen der Franziskaner OFM liegen in der Hauptstadt Port-au-Prince: Das Saint-Alexandre-Haus ist völlig zerstört, die Pfarrei „Cruz de Misión“ sowie der Konvent der Brüder sind stark beschädigt. Lediglich ein Gebäude am Rande der Stadt steht noch.
Die Nachrichten aus Haiti hat der Kustos der Franziskaner in der Karibikregion mit Sitz in Puerto Rico, Fr. A. Darío Carrero übermittelt. Er hielt sich zur Zeit des Erdbebens in Haiti auf und konnte so die Informationen und Fotos, die das ganze Ausmaß der Zerstörung an den Einrichtungen der Franziskaner zeigen, nach seiner Rückkehr weiterleiten.
Wir sind betroffen von dem unermesslichen Leid der Menschen und übermitteln allen unseren Schwestern und Brüdern in Haiti unser tiefes Mitgefühl. Wir hoffen und beten, dass sie den Mut finden zu einem guten Neuanfang.
Ein herzliches pace e bene,
Das Team des CCFMC-Zentrums in Würzburg
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Barfuß in den Fußspuren Jesu – Christuserfahrung und Nachfolge des Franz von Assisi Br. Niklaus Kuster OFMCap |
Kern der franziskanischen Lebensform
Der älteste Text, der von Franziskus überliefert ist, wird zum schönsten Schlüssel zu einer Spiritualität, die sich durch die Nachfolge Christi in intensiv-reichen Beziehungen entfaltet. In der Frühzeit ihrer Gemeinschaft bittet Clara den Bruder, ihre Lebensform in kurze Zeilen zu fassen. Der Poverello verdichtet darauf in einen einzigen Satz, was er an San Damiano um 1212 bewundert. Später wird er diese Sicht christlichen Lebens in ihrer ganzen Freiheit und ihrem Reichtum auf jede christliche Lebensweise anwenden und im Brief an die Gläubigen entfalten.
„Da ihr euch auf göttliche Eingebung hin zu Töchtern und Dienerinnen des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, gemacht und euch dem Hl. Geist verlobt habt, indem ihr das Leben nach der Vollkommenheit des hl. Evangelium erwähltet, so will ich - und verspreche dies für mich und meine Brüder - euch allezeit genauso wie für diese liebevolle Sorge und besondere Aufmerksamkeit erweisen". (RKl, VI.3-4)
Die innere Struktur dieser Lebensform wird etwas deutlicher, wenn der etwas komplizierte eine Satz in seine handelnden Subjekte aufgegliedert und dann auch in eine Skizze gefasst wird:
In Spätschriften zeigt diese frühe Spiritualität - von Claras Schwestern gelebt und von Franz beschrieben - sich als Weg für alle Gläubigen jedwelcher Lebensweise. Im Brief an alle Gläubigen entfaltet sich die Christusbeziehung in einer dreifachen Intimität:
„Und alle jene Männer und Frauen werden Söhne und Töchter des himmlischen Vaters sein, dessen Werke sie tun. Und sie sind Geliebte, Geschwister und Mütter unseres Herrn Jesus Christus. Geliebte sind wir, wenn die gläubige Seele durch den Heiligen Geist mit Christus verbunden wird. Geschwister sind wir ja, wenn wir den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist. Mütter sind wir ihm, wenn wir ihn durch die Liebe und ein reines lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchtet (2 Gl 48-53).
NOTA: Dies ist der vorletzte Teil aus einem grundlegenden Beitrag zur Franziskanischen Spiritualität von Br. Niklaus Kuster. Im Dezember hatten wir den letzten Teil vorgezogen, weil er thematisch zu Weihnachen gehörte. Im angefügten Download kann der vollständige Beitrag herunter geladen werden.
Download:
Html: http://www.ccfmc.net/wDeutsch/ccfmc/bibliothek/franziskus/01_08_Franziskus.shtml?navid=107
Pdf: http://www.ccfmc.net/wDeutsch/ccfmc/bibliothek/franziskus/01_08_Franziskus.pdf

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