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CCFMC News November 2009

Wir sind das Volk


Es war eine bewegende Feier zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 in Berlin. Politiker aus ganz Europa und darüber hinaus haben die historische Zeitenwende beschworen, die dadurch in Gang gekommen ist. Nicht nur für Deutschland und nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Es war das Ende des Kalten Krieges, der die Welt in einer Balance des Schreckens in zwei Teile spaltete: den Westblock und den Ostblock, jeweils manifestiert in den Hegemonialmächten USA und Sowjetunion. Der Rest der Welt wurde aufgeteilt in Einflusssphären, Verbündete und Sympathisanten der beiden Machtblöcke. Diese Welt ist 1989 zusammengebrochen. Es war der Anfang einer Welt, in der die grundlegenden Werte der Freiheit, der Menschenwürde und der Menschenrechte zur Geltung kommen sollen. Besonders beeindruckend war der spielerische „zweite Mauerfall“, bei dem 1000 Dominosteine, die von 15.000 Schülern aus allen Ländern der Welt gestaltet worden waren, zum Einsturz gebracht wurden. Eine Botschaft an die Welt: schafft eure Mauern ab, die Mauern der Armut, der Diskriminierung, der Rassen, der Unfreiheit usw.

Dass dieses Wunder in Berlin möglich wurde, verdanken wir Menschen, die sich nicht mehr mundtot machen lassen wollten. Menschen, die aufstanden, um für die in der UN-Charta verbürgten Grundrechte zu kämpfen, und das über lange Jahre hin und an ganz unterschiedlichen Orten, vom 17. Juni 1953 in Berlin über den ungarischen Volksaufstand von 1956 und den Prager Frühling von 1968 bis hin zur Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980/81. Waren diese noch gewaltsam beendet worden, kam das gewaltfreie Ende der kommunistischen Regime 1989/90 in den betroffenen Ländern für viele Zeitgenossen einem Wunder gleich. Das Aufbegehren in Ostdeutschland hatte sich aus kleinen Anfängen schließlich über die berühmten Montagsgebete in Leipzig und anderswo zur machtvollen, aber gewaltfreien Bewegung „Wir sind das Volk“ entwickelt, die den Machthabern die Stirn bot. Zum Glück gab es in West und Ost ver-
antwortliche Politiker, die das erkannten und durch mutige Entscheidungen eine mögliche globale Katastrophe verhinderten. Die Mauer, die Ost und West über Jahrzehnte hinweg trennte, wurde zum Einsturz gebracht - durch das Volk.

Ein Beispiel, das Mut machen soll. Es gibt ja auch genügend andere Bereiche, in denen engagierte Menschen die Welt zum Besseren verändern konnten. Ohne die weltweite Friedensbewegung wäre es nicht zu markanten Abrüstungsschritten gekommen. Ohne die sozialen Bewegungen gäbe es keine sozialen Netzwerke, ohne ATTAC und Weltsozialforum gäbe es keinen Gegenentwurf gegen die neoliberale Globalisierung der Ökonomie und Finanzen. Und ohne die vielen ökologischen Initiativen und Bewegungen wäre das Bewusstsein, dass wir nur durch globale und einschneidende Entscheidungen eine irreversible Klimakatastrophe noch vermeiden können, längst nicht so weit verbreitet in Politik und Wirtschaft. Es lohnt sich also, in Bewegungen mitzumachen. Wenn das Volk zusammensteht und mutig handelt, können wir die Welt verändern.

Dabei sollten wir als franziskanische Menschen nicht vergessen, dass viele dieser Bewegungen Franziskus zum spirituellen Leitbild nehmen. Er ist ein Vorbild, das auch heute noch glaubhaft vermittelt, wie wir die Welt verändern können: dass wir nichts beanspruchen und uns zu eigen machen dürfen, was anderen schadet; dass wir nicht Herren der Schöpfung sind, sondern Mitgeschöpfe, denen es nur gut gehen kann, wenn es allen gut geht; und schließlich, dass es nicht Herren und Knechte geben darf in der einen Menschheit von Schwestern und Brüdern, und dass deshalb anvertraute Ämter nicht gegeben sind zum Herrschen, sondern zum Dienen. Das alles gilt übrigens nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Kirche. Sie ist das Volk Gottes, das in dieser Welt den gerechten, barmherzigen, mitfühlenden und befreienden Gott erfahrbar machen soll. Mehr ist über unseren franziskanischen Auftrag heute nicht zu sagen.

Andreas Müller OFM

 

Sitzung des Internationalen CCFMC Vorstandes

Vom 25. bis 30. Oktober 2009 in Frascati, Rom

28 Schwestern und Brüder, Gäste und Experten aus aller Welt trafen sich vom 25. bis 30. Oktober im Bildungshaus der Kapuziner in Frascati. Es war eine erweiterte Vorstandssitzung, auf der wichtige Fragen der Zukunft der CCFMC Bewegung auf der Tagesordnung standen. Deshalb wurden Gäste eingeladen, die lange Zeit wichtige Funktionen in der Promotion des Kurses innehatten, sowie Impulsgeber, die auf die besondere Aktualität der franziskanischen Theologie und Spiritualität angesichts der Herausforderungen heute aufmerksam machen sollten. Die Themen zeigen auf, welche Konfliktbereiche angesprochen wurden.

·     Prof. Mario Cayota, Botschafter Uruguays beim Vatikan, Rom
“Visionen franziskanischer Laien in Kirche und Welt“ (in Beziehung zum Kurs und zum konziliaren Kirchenbild)

·     Sr. Marlene Perera FMM, Sri Lanka
“Bewahrung der Schöpfung – Öko-Gerechtigkeit, eine franziskanische Herausforderung“

·     Prof. Bill Short OFM, Kalifornien
“Gedanken zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise aus franziskanischer Sicht“

·     Prof. Elmar Klinger, Würzburg
“Franziskanische Prophetie in der Kirche“

Die durchweg hochrangigen und inspirierenden Impulse wurden in wechselnden Kleingruppen diskutiert und haben uns die ganze Woche über begleitet. Wir werden sie in den kommenden Monaten nach und nach veröffentlichen und allen zugänglich machen.

Personalentscheidungen:

Um die Zukunft des CCFMC zu sichern, standen ganz wichtige Personalentscheidungen an. Aus Altersgründen müssen sowohl für den Geschäftsführer des CCFMC Zentrums wie für den Präsidenten Nachfolger benannt und gewählt werden. Dieser Punkt steht schon seit Jahren auf der Tagesordnung, bisher ohne Erfolg. Deshalb mussten nun Entscheidungen getroffen werden.

1. Für den Präsidenten Br. Anton Rotzetter OFMCap wurde ein Nachfolger gefunden, der allerdings erst in drei Jahren die Aufgabe übernehmen kann. Es ist der Schweizer Kapuziner Br. Mario Dotta OFMCap.

2. Als Geschäftsführerin im CCFMC Zentrum in Würzburg wurde für eine Übergangszeit ab der Frühjahrssitzung der CCFMC e.V.-Gremien Frau Patricia Hoffmann gewählt. Eine endgültige Lösung ist im Gespräch, braucht aber noch Zeit. Br. Andreas Müller OFM wurde zum Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit ernannt und ist bereit, ehrenamtlich weiterhin mitzuarbeiten, wann und wo er gebraucht wird.

Assisi-Programm:

Für Donnerstag hatten wir ein Exposureprogramm in Assisi vorgesehen. Br. Anton hat das Programm vorbereitet und uns an vier Orten die Gründerfiguren und deren Visionen und Grundentscheidungen in meisterhafter Quellenkenntnis und Dichte nahe gebracht: in S. Damiano, S. Chiara, S. Francesco und S. Maria degli Angeli (Portiuncula). Es war ein Kurzseminar in franziskanischer Geschichte und Spiritualität und eine intensive Einladung zum gemeinsamen Handeln.

Zukunftsplanung und Aktionspläne:

Den ganzen Freitag nutzten wir, um in Kontinentalgruppen und mit den Verantwortlichen des CCFMC Zentrums die Konsequenzen aus den Reflexionen und Impulsen der Woche zu ziehen. In einer kurzen Einführung hatte Br. Bill uns aufmerksam gemacht, dass nach dem Beispiel des hl. Franziskus Pläne und Worte erst dann zum Leben kommen, wenn sie vom Wort zur Tat werden.

Die Gruppen haben sich das zu Herzen genommen und für ihre Bereiche Pläne entwickelt, die sie nun realisieren wollen und müssen. Wir werden in den kommenden Monaten berichten, wie diese Pläne aussehen und angegangen werden.

 

Europa

Rumänien

Auf den Spuren des hl. Franziskus - nach 800 Jahren

Vom 25. - 27. 09. 2009 erlebten wir eine einzigartige Erfahrung, die wir seit Langem erwarteten. Zum ersten Mal trafen sich im Kloster der Minderbrüder (OFM) in Şumuleu Ciuc (Miercurea Ciuc) 50 Teilnehmer aus 12 Gemeinschaften der franziskanischen Familie Rumäniens. Wir wollten dem guten Gott danken für 800 Jahre seit der Approbation der franziskanischen Regel.

In zwei Vorträgen erläuterte Pr. Aurel Ilieş OFMConv die Entstehung der franziskanischen Regel von den Anfängen bis zur Regula bullata von 1223. Besonders betonte er deren Besonderheit und Neuheit in der Kirchengeschichte. Das machte er an folgenden Aspekten fest:

1.   Die Regel ist kein Gesetzestext, sondern vielmehr ein geistliches Dokument, das die Identität des Bruders/der Schwester beschreibt.

2.   Die Schwestern und Brüder, die diesem Ideal folgen, verpflichten sich auf ein Leben in den Spuren Jesu, das ein ständiges Umdenken verlangt.

3.   Die kategorische Zurückweisung des Geldes überdauerte Jahrhunderte – trotz päpstlicher Ausnahmeregelungen.

4.   Franziskus mahnte seine Brüder zur Arbeit als Lebensstil mit allen Talenten, die Gott gegeben hat.

5.   Wir sind Pilger auf dem Weg, die Gott in Armut und Demut dienen und voll Vertrauen am Tisch des Herrn um Almosen bitten, wenn das nötig ist.

6.   Für das Leitungsamt will Franziskus keine Oberen, sondern Minister (Diener). In dieser franziskanischen Vision sind alle gleich und niemand soll sich höher einschätzen als die anderen.

Diese Ideen kreieren einen neuen Lebensstil in der Kirche Christi, den Stand des Bettelordens. Seine Regel ist eine Abweichung vom IV. Laterankonzil (1215), auf dem entschieden wurde, keine neue Ordensregel in der Kirche zu approbieren.

In Kleingruppen konnten die Schwestern und Brüder das Gehörte reflektieren und vertiefen. Vor allem ging es darum, herauszufinden, inwieweit die Regel auch heute das persönliche und gemeinschaftliche Leben bestimmt und was es heißt, ein minderer Bruder, eine mindere Schwester zu sein.

Es waren dynamische und sehr intensive Diskussionen für die Teilnehmenden. In der Vorstellung der Gruppengespräche spürte man, dass sich die Teilnehmer um ehrliche Antworten bemühten. In der anschließenden Eucharistiefeier hat uns der Provinzialminister, P. Szabolcs Orban OFM, nochmals auf entscheidende Begegnungen des hl. Franziskus aufmerksam gemacht, die auch für uns ganz wichtig bleiben: die Begegnung mit dem Aussätzigen, mit dem Gekreuzigten und mit Christus.

Am Sonntag hatte Br. Andreas Gelegenheit, den „Grundkurs zum franziskanisch-missionarischen Charisma” (CCFMC) vorzustellen, der mit Begeisterung aufgenommen wurde. Wir wollen möglichst schnell die rumänische Übersetzung zu Ende bringen, damit wir bald damit arbeiten können. So endete das dreitägige Programm des Kennenlernens und des miteinander Feierns.

Den Abschluss fand die Begegnung in der festlichen Eucharistiefeier, die der Weihbischof der Diözese Alba Iulia, Msgr. Tamas Jozsef, zelebrierte. In seiner Predigt machte er uns Mut für unsere Berufung. Er forderte uns auf standhaft und begeistert unsere Spiritualität zu leben. Das Jubiläum solle uns an zwei Aspekte erinnern:

·     das Problem der Armut, das er mit dem Gleichnis Jesu vom reichen Jüngling verknüpfte: Armut nicht als Elend, sondern als Befreiung aus den Fesseln des Habenwollens. Und

·     die Treue zur Regel in einer Welt, die bestimmt ist von der Veränderung und vom Wandel nach eigenen Normen. Er stellte uns konkrete Beispiele seiner Erfahrung als Spiritual am theologischen Seminar vor Augen.

Mit diesen Gedanken und seinem Segen schlossen wir die drei Tage der Gnade und des brüderlich/schwesterlichen Zusammenseins ab. Das nächste Jahr wollen wir uns wiedersehen in Moldau. Reich beschenkt kehrten wir in unsere Kommunitäten zurück. Wir wollen aber auch die nicht vergessen, die uns finanziell und spirituell in diesen Tagen unterstützt haben. Gott möge ihnen alles vergelten, was sie für uns getan haben. Besonders danken wir dem Konvent der Minderbrüder für die Gastfreundschaft und Verfügbarkeit, die sie uns während der drei Tage gezeigt haben.

Ein herzliches Pace e bene! -  Sr. M. Lydia, Caransebeş, Rumänien

 

Asien

Philippinen

Franziskanische Familie feiert Franziskus

Mit einer Transitus-Feier am 3. Oktober 2009 haben die Feierlichkeiten zum 800. Jahrestag der franziskanischen Bewegung  und des franziskanischen Charismas  auf den Philippinen einen ihrer Höhepunkte gefunden. Über 800 Franziskaner der verschiedenen Zweige der franziskanischen Familie nahmen im Mater-Dei-Auditorium des St.-Joseph-Colleges in Quezon-City an dieser Gedenkveranstaltung teil.

„Verpflichtung und Feier“ – lautete das Motto des Festprogramms, das unter anderem eine Powerpoint-Präsentation zur „Geschichte der franziskanischen Präsenz auf den Philippinen,“ sowie zum Einfluss der Franziskanischen Bewegung auf die Kirche und die Welt in den vergangenen 800 Jahren beinhaltete.

Den krönenden Abschluss der Feierlichkeiten bildete die Eucharistiefeier, die von keinem Geringeren als dem päpstlichen Nuntius, Bischof Edward Adams, zelebriert wurde. „Ja, wir sind Gott dankbar für das wertvolle Geschenk, das Ihr, die Familie des Franziskus, für die Christenheit seid,“ betonte der Nuntius in seiner Predigt. Der kleine Bach, am Berg Subasio entsprungen, habe sich in einen riesigen Strom verwandelt und sei ein bedeutender Beitrag zur Verbreitung des Evangeliums in der Welt geworden. Bischof Adams erinnerte auch an den Auftrag „das Haus zu reparieren.“  Ebenso wie Franziskus, fügte er hinzu „beginnen wir diese Reparatur bei uns selbst.“

Ganz im Zeichen des Jubiläums des franziskanischen Charismas standen weitere Veranstaltungen der franziskanischen Familie der Philippinen im Jahr 2009: Eine Greccio-Erfahrung im Januar; eine Carceri-Erermiten-Erfahrung im März sowie Gemeinsames Nachdenken über die neue Formel des Ordensgelübdes. 

 

Volksrepublik China

Zweites Seminar zur Franziskanischen Spiritualität: das Gebet

Zu einem weiteren Seminar über Grundlagen Franziskanischer Spiritualität haben sich 23 franziskanische Brüder und Schwestern verschiedener Kongregationen Mitte September 2009 in der Provinz Shaanxi in der Volksrepublik China versammelt. Die Schriften von Franziskus und Klara, die Geschichte der franziskanischen Bewegung sowie vor allem auch franziskanische Gebete waren die Hauptthemen dieses dreitägigen Seminars, für dessen Vorbereitung und Durchführung Pater Leonard Chen OFM verantwortlich zeichnete.

Besonderes Augenmerk wurde in diesem Seminar auf das Gebet, eine von Franziskus erlebte tiefe religiöse Erfahrung, gelegt. Um dies selbst erfahren zu können, begaben sich die Seminarteilnehmer zum Gebet auf einen Berg, um mit der Natur eins zu werden und in Gemeinschaft mit Gott zu treten. Hauptziel dieses Seminars war es, den Brüdern und Schwestern eine regelmäßige franziskanische Fortbildung zu geben, die vor allem auf der Grundlage der 25 CCFMC-Lehrbriefe stattfindet.

Die Seminarteilnehmer machten deutlich, dass sie an interfranziskanischen Begegnungen sowie weiteren Programmen zum Studium des franziskanisch-missionarischen Charismas interessiert sind. Besondere Wertschätzung erfuhren die Referate von Pater Joseph Ha OFM sowie dessen persönliche Gespräche mit einzelnen Seminarteilnehmern. Es besteht der Wunsch, weitere Impulsgeber aus Hongkong und Taiwan einzuladen.

Kurznachricht

Neue Präsidentin der FFB

Die Franziskanische Familie von Brasilien hat auf ihrer Generalversammlung vom 21. bis 25. Oktober 2009 in Salvador eine neue Leitung gewählt. Neue Präsidentin ist Sr. Maria Petronila de S. Soares (Sr. Nila) von den Missionsschwestern der Unbefleckten Empfängnis. Sr. Nila ist in Canindé im Staat Ceará geboren und groß geworden im Umfeld der franziskanischen Spiritualität an diesem großen Wallfahrtsort. Dazu passend kam die Sensibilität für die ganze Not im Nordosten Brasiliens, die sie dann auch zum Schwerpunkt ihrer pastoralen und sozialen Arbeit gemacht hat. Sie lebt und wirkt heute als Provinzoberin in Belem am Provinzsitz ihrer Gemeinschaft. Das CCFMC-Team in Würzburg wünscht ihr Gottes Segen für diese wichtige Aufgabe in der FFB und hofft, dass die allzeit gute Zusammenarbeit auch weiterhin gedeihen wird.

 


Barfuß in den Fußspuren Jesu –

Christuserfahrung und Nachfolge des Franz von Assisi

Br. Niklaus Kuster OFMCap


6. „Christus gefallen und seinen Spuren folgen"

Nachfolge in der Fantasie der Liebe

Franziskus schätzt, meditiert und verinnerlicht das Evangelium so sehr, dass es ihm in jeder Lebenssituation die „Fußspuren" Jesu zeigt und die Stimme „des Sohnes Gottes" hörbar macht (Ord). Das Wort Gottes will nicht einfach gekannt und studiert werden, sondern möchte Christus in uns und durch unser Leben neu auf die Welt bringen (Brief an alle Gläubigen). Im Notfall soll sogar das einzige Evangelienbuch weggegeben werden, wenn man einem leidenden Menschen anders nicht weiterhelfen kann. Im Winter 1220/21 Franziskus bittet den Verantwortlichen der „Mustergemeinschaft", der verarmten Mutter zweier Brüder das einzige Evangeliar der Portiunkula zu schenken, damit sie es verkaufe und ihrer Not abhelfe. Denn es gefalle Christus zweifellos mehr, wenn die Brüder sein Wort praktisch tun, statt es nur zu lesen und zu meditieren: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben".

Die Bereitschaft, dem Rat Jesu an den reichen Mann tatkräftig zu folgen, wird zum Kriterium für neue Berufungen auf den Weg der franziskanischen fraternitas. Sie schreibt 1223 in ihre definitive Regel aus befreiend-radikaler Eigenerfahrung:

Wenn jemand von Gottes Geist bewegt dieses Leben annehmen will und zu unseren Brüdern kommt, werde er von ihnen liebevoll aufgenommen. Ist er entschlossen, diese Lebensweise zu wählen,... sollen die Verantwortlichen ihm das Wort des Evangeliums sagen, dass er hingehe und all das Seine verkaufe und Sorge trage, den Erlös unter die Armen zu verteilen.(RB 2)

Eine andere Norm als das Evangelium soll es nicht geben. Die Fantasie der Liebe zeigt jedem Bruder, wie er Christus am besten gefalle. Echte Nachfolge entfaltet sich im Zeichen persönlicher Christusfreundschaft.

Br. Leo ist schon zehn Jahre mit dem Poverello unterwegs und sein vertrautester Gefährte. Obwohl kein Anfänger mehr, drängt er nach präziseren Anweisungen für die Nachfolge. In unbeholfen hingekritzelten Zeilen antwortet Franziskus als „sein Bruder" und zugleich mütterlich sensibel. Doch ihre gemeinsam gewählte evangelische Freiheit braucht keine Normen. Franziskus hütet sich, in die Rolle eines Führers oder Meisters zu schlüpfen:

„Br. Leo, von deinem Bruder Franziskus Frieden und alles Gute. So sage ich Dir, mein Sohn, wie eine Mutter, denn alle Worte, die wir gesprochen haben auf dem Weg, fasse ich kurz in dieses Wort und rate Dir so - und du brauchst (nachher) nicht, um Rat zu holen, zu mir zu kommen. Denn ich rate Dir so: auf welche Weise auch immer es Dir besser erscheint, dem Herrn unserem Gott zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, tut es mit dem Segen des Herrn unseres Gottes und brüderlich verbunden mit mir. Und wenn es notwendig ist für Deine Seele, um eines Trostes willen oder wenn Du von Dir aus möchtest, zu mir zurück zu kommen - komm!" (Leo)

Das Briefchen, das Leone dann über 50 Jahre lang in seiner Kutte mit sich trägt, spiegelt die Freiheit urfranziskanischen Lebens. Selbstverantwortung verbindet sich mit Solidarität. Kein Bruder und keine Vorschrift, kein Mensch und auch kein Amt dürfen sich zwischen Christus und denjenigen oder diejenige stellen, die ihm aus Liebe folgen. Nicht Gesetze oder Weisungen eines anderen, sondern die eigene Fantasie weiß am besten, wie der Jünger seinem Meister und der Freund seinem Freund gefällt. Der Poverello weckt im Gefährten den Mut, sich in der Nachfolge aufs Neue von der Fantasie der eigenen Liebe leiten zu lassen.