Der ganz andere
Zwei Ziele verfolgt (die 800 Jahrfeier) „Charisma 2008 / 2009“ der Franziska-nischen Familie: Erinnerung und Neubelebung. Erinnerung an die Anfänge der franziskanischen Bewegung im Jahr 1208 und der daraus folgende Auftrag, den Traum des Franziskus in unsere Zeit zu übertragen und mit neuem Leben zu füllen. Eine wahrlich komplexe Herausforderung.
Denn was wirklich können wir von Franziskus lernen und übernehmen, um mit unseren heutigen Problemen zu Rande zu kommen? Zunächst müssen wir ehrlich feststellen, dass wir die 800 Jahre von seiner Welt in unsere Welt nicht einfach überspringen können. Er lebte in einer selbstverständlich christlich geprägten Welt, in der die Kirche eine dominierende Rolle spielte. Diese infrage zu stellen, kam niemand in den Sinn. Wir dagegen leben in einer Welt, die – wenn überhaupt noch gläubig und werteorientiert – sich in einem Supermarkt der Religionen und spirituellen Angebote zurechtfinden muss. Seine Welt war überschaubar und von wohltuender Langsamkeit, sodass sich auch Neues in Ruhe entfalten und festigen konnte. Wir dagegen leben in einem globalen Dorf, das in atemberaubender Schnelligkeit uns täglich fordert und überfordert. Für ihn hatten die Armen noch Namen und Gesicht, wir dagegen nehmen sie hauptsächlich wahr als das Millionenheer der Namenlosen und Ausgegrenzten.
nur, was man tut.
Als hätte er den viel später von Gandhi gewählten Grundsatz schon vorweggenommen: der Weg ist das Ziel. Wenn wir Tag für Tag unbeirrbar das leben, was wir sagen, ist ein geschriebenes Programm auch nicht mehr so wichtig und bleiben Organisationsstrukturen das, was sie sein sollen: Wegweiser für das Leben, aber eben keine Instanz über dem Leben.
Gelebter Glaube, das ist das Kennzeichnende an Franziskus. Und er lebte diesen Glauben in einer Zeit, in der Macht- und Herrschaftsgerangel zwischen Papst und Kaiser, zwischen Bischöfen und dem Bürgertum in den aufblühenden Städten im Gange waren. Doch er ließ sich davon nicht anstecken und verunsichern. Er ging seinen Weg und lebte sein qualitativ ganz anderes Leben in traumwandlerischer Sicherheit. Er glaubte und handelte danach. Leben nach dem Beispiel des armen Jesus von Nazareth, das war sein Programm. Er machte die Bergpredigt wieder zu einem Impuls für das Leben. Für ihn sind deren Ratschläge nicht hehre und anspruchsvolle Weisungen, die man erst erklären muss, um sie leben zu können. Sie sind für ihn auch nicht spirituelle Überhöhungen, die für den Alltag nicht tauglich sind. Denn das war doch weithin die Vorstellung in einer bürgerlich genügsamen Religiosität. Für ihn gehören die Regeln der Bergpredigt zum Kern des Evangeliums; sie sind die Ratschläge eines die Menschen bedingungslos liebenden Gottes. Also liebte und lebte er sie – sine glossa – so überzeugend, dass es ansteckend wurde.
Das war sein Programm, seine Predigt, sein Weg, der ganz anders war, als die Praxis der Kirche es vorgab. Das zu leben und in Erinnerung zu bringen, ist der bleibende Auftrag an uns, wenn wir der Frage nachgehen, was wir an franziskanischen Essentials in unsere Zeit retten müssen.
Andreas Müller OFM
Asien
China
Franziskanische Spiritualität beginnt zu keimen
Hoffnungsvolle Schritte des CCFMC sind in der Volksrepublik China zu verzeichnen. Über das erste landesweite Seminar zur franziskanischen Spiritualität von Mitte Mai hier ein Bericht:
In der Ortschaft Tao Li hat vom 13. - 21. Mai das erste CCFMC-Seminar in Festlandchina stattgefunden. 28 Teilnehmer von zehn Gemeinschaften aus mehreren chinesischen Provinzen wurden mit franziskanischem Grundwissen bekannt gemacht, vor allem über das Leben und das Vermächtnis des Heiligen Franziskus. Pater Joseph Ha, der mit Unterstützung von Pater Leonard Cheng das Seminar organisiert hatte, sowie weitere drei Brüder waren die Referenten.
Angesichts dieser Einschränkung bemüht sich Pater Leonard nun intensiv darum, den CCFMC-Koordinator für Asien und Ozeanien nach China einzuladen, damit er den dortigen Brüdern und Schwestern den Kurs vorstellt. Dies werde „sie für die Bedeutung und Authentizität der Botschaft von Franziskus für unsere Zeit noch stärker sensibilisieren.“ Es werde darüber hinaus ihr Verständnis für künftige CCFMC-Kurse vertiefen und eine interaktive Teilnahme daran unterstützen. Der Reichtum unseres franziskanischen Charismas, der in seiner ganzen Fülle nur durch den CCFMC-Kurs vermittelt werden kann, ist zweifelsohne bemerkenswert und muss anerkannt werden.
Japan
Übersetzung der CCFMC-Lehrbriefe ins Japanische
Für das Jahr 2010 wird die Fertigstellung der japanischen Fassung der CCFMC-Lehrbriefe erwartet. Die Arbeit an der Übersetzung schreitet zügig voran. Dazu ein Bericht aus Japan:
Die japanischen Teilnehmer am Internationalen CCFMC-Kongress in Bangkok im Jahr 2008 kommen einem ihrer großen Ziele – das franziskanisch-missionarische Charisma mit Hilfe des CCFMC auch in Japan breiten Kreisen zugänglich zu machen - Schritt für Schritt näher. Das Übersetzerteam unter Leitung von Pater Lukas Horstink OFM, der von Schwester Elrede Huser OSF und Elizabeth Shizuko Ueda OFS tatkräftig unterstützt wird, hat bereits die wörtliche Übersetzung der ersten 18 Lehrbriefe abgeschlossen. Elizabeth Shizuko Ueda OSF, die nach einer längeren Pause wieder zum CCFMC-Team gehört, ist für die Kontrolle und Herausgabe der Endfassung in japanischer Sprache zuständig.
Ein weiteres Ziel, das sich die Franziskaner in Japan für die nächste Zukunft gestellt haben, ist der Aufbau der Vereinigung „Freunde von Franziskus und Klara“ (Friends of Francis and Clare/FFC) in ihrem Land. Diese Vereinigung, die in den CCFMC-Programmen vielfach präsent ist, dient als Quelle der Inspiration und als Missionspartner insbesondere der Franziskanischen Gemeinschaft. Als erster Schritt ist für den Herbst 2009 die Gründung von FFC-Gruppen in Tokio und Kioto vorgesehen, nachdem in Japan großes Interesse für den heiligen Franziskus festgestellt worden ist. Die Vorbereitungen sollen in folgenden Schritten vor sich gehen: Information des OFM-Provinzials und des FG-Vorsitzenden in Japan; Treffen mit den künftigen Mitgliedern; Seminar und Einführung zum CCFMC für die Gruppe. Als ein weiterer Schritt ist geplant, einen Newsletter herauszugeben und ihn an alle Konvente sowie an franziskanische Brüder und Schwestern zu versenden.
Die Neugründung und Wiederbelebung der „Freunde von Franziskus und Klara“ kann auch dazu beitragen, ein akutes Problem der japanischen katholischen Christen zu mildern: den Priestermangel. Die Mitglieder der FFC können zu einer starken Kraft werden, die die Laien bei der Bewältigung des Priestermangels in ihren Gemeinden sowie bei der Stärkung ihrer Rolle in einer lebendigen Kirche unterstützt.
Indonesien
CCFMC in Indonesien – zwei Franziskaner berichten
Die Verbreitung des CCFMC in Indonesien macht weiter Fortschritte. Dies ist nicht zuletzt den unermüdlichen Bemühungen von Pater Kees Van Dijk OFM zu verdanken. Vor allem die Übersetzung der CCFMC-Lehrbriefe in die indonesische Landessprache Bahasa Indonesia, die er ermöglicht, hat dazu beigetragen, die Inhalte der Lehrbriefe besser vermitteln zu können. Pater Wilhelmus Gonsalit OFM (Gonsa) und Pater Stanislaus Sukartanto OFM (Tanto) berichten über ihre Erfahrungen:
Pater Gonsa schreibt, dass er mit der Übersetzung des letzten Lehrbriefes, also der Nummer 25, begonnen habe. Allerdings handle es sich nicht um eine bloße Übersetzung. Wichtig sei vielmehr, den Aspekt der Inkulturation zu berücksichtigen und den Inhalt der Lehrbriefe in einen für die Kursteilnehmer nachvollziehbaren Zusammenhang zu stellen, der einen Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen und eine Einbeziehung in ihr Alltagsleben ermöglicht. Pater Gonsa lebt und arbeitet in Abepura in West Papua. Er bedauert, dass die Zusammenarbeit und Kontakte mit den Brüdern und Schwestern in den zentralindonesischen Gebieten Java, Sumatra und Ka
Pater Tanto berichtet aus Jakarta, dass die CCFMC-Lehrbriefe nun schon seit mehreren Jahren in indonesischer Sprache in der Ausbildung junger Ordensleute einen festen Platz haben – jedenfalls in der Hauptstadt Jakarta. Junge Ordensleute nehmen in ihrem dritten Ausbildungsjahr im Fach Philosophie an einem CCFMC-Kurs teil. Die Lehrbriefe sollen die franziskanische Spiritualität stärken, insbesondere die missionarische Dimension unter Berücksichtigung der realen Lebens- und Arbeitssituation der jungen Ordensleute. Vor allem wegen der praktischen und sehr lebensnahen Übungen, die in fast allen CCFMC-Lehrbriefen enthalten sind, habe sich dieses Material als sehr gut einsetzbar erwiesen.
Indien
CCFMC-Seminar in der Sprache Malayalam
Das Seminar zum CCFMC-Grundkurs für das Jahr 2009 hat vom 5. bis 10. Mai im Franziskanischen Zentrum von Assisi Shanthi Kendra in Karukutty stattgefunden. Über den Verlauf dieses Seminars und die wichtigsten Ergebnisse übermittelte Pater Alfred Parambakathu, Koordinator des CCFMC im indischen Bundesstaat Kerala, einen Bericht:
Zu den wichtigsten Themen, mit denen die 17 Teilnehmer von sechs verschiedenen Kongregationen sich in ihren Diskussionen und Reflexionen befassten, gehörten neben den Grundlagen - Leben, Werk und Charisma von Franziskus und Klara - auch die Programmpunkte „Universale Geschwisterlichkeit: Versöhnung mit Gott, Mensch und Natur“ sowie „Der bleibende Auftrag der Franziskaner in der Kirche“.
Das Leitungsteam des Seminars stellten ausschließlich Mitglieder der Konventualen, die das gesamte Programm in der vor Ort gesprochenen Sprache Malayalam gestalteten. Für ihre Referate und Beiträge hatten die Animatoren Spielräume in zeitlicher und kreativer Hinsicht, um ihnen ihre Aufgabe zu erleichtern und mehr Nähe zu den Teilnehmern herzustellen. Teile des Seminarprogramms stützten sich auf CCFMC-Lehrbriefe.
Bei der Auswertung des Seminars wurden folgende Aspekte deutlich:
· Die relativ niedrige Teilnehmerzahl ergab sich daraus, dass der Termin mit anderen Veranstaltungen mehrerer Gemeinschaften zusammenfiel.
· Die Teilnehmer waren mit den Arbeitssitzungen ganz zufrieden. Übereinstimmend als positiv bewertet wurde die einfache Art und Weise, in der die Referenten ihre Beiträge gestalteten.
· Große Zustimmung fand das abendliche Beisammensein, bei dem Kontakte zwischen den Gemeinschaften entwickelt und verstärkt wurden.
Anregungen und Kommentare:
· Die Teilnehmer aus den Männerorden waren in der Minderheit. Bei künftigen Seminaren sollte man sich um eine größere Teilnehmerzahl bemühen, um den franziskanischen Gedankenaustausch reger und reicher zu gestalten.
· Die Organisatoren sollen sich stärker um Kontakte zu den Oberen anderer Gemeinschaften bemühen.
· Wünschenswert wäre, dass die Referenten/Animatoren während der gesamten Dauer des Seminars auch anwesend blieben.
Besondere Erwähnung und Würdigung verdient das beispielhafte Engagement und die Mitarbeit der Konventualen. Angefangen vom Provinzial bis zu den Ordensbrüdern setzen sie sich nachdrücklich dafür ein, das franziskanische Charisma durch den CCFMC zu fördern. In ihrem Provinzkapitel beschlossen sie, den CCFMC als eine ihrer Aufgabenbereiche anzunehmen. Die Werte von Franziskus und Klara schlagen auf diese Weise in den Herzen der franziskanischen Brüder und Schwestern – insbesondere in Kerala – immer stärkere Wurzeln.
Lateinamerika
Chile
Gute Ernte des CCFMC in Chile
In einem Bericht zur Lage und zur Entwicklung des CCFMC in Chile, der bereits der Generalversammlung in Brasilia im Oktober 2008 vorlag, wird der Weg des Grundkurses zum franziskanisch-missionarischen Charisma in Chile nachgezeichnet, und es werden die Früchte seiner Arbeit präsentiert.
Der Kurs zum franziskanisch-missionarischen Charisma wurde anfangs in ganz Chile als Fernkurs angeboten. In Santiago war der Kurs Bestandteil der Ausbildung angehender Ordensmitglieder. Es stand jeder Bildungseinrichtung frei, auf welche Weise sie die Lehrbriefe einsetzt. Darüber hinaus wurde der Grundkurs auch in einzelnen Regionen vorgestellt, um dem Interesse am Kurs stärkere Impulse zu verleihen.
Einige Ergebnisse
Zu den positiven Auswirkungen des CCFMC gehört die Einführung des so genannten „Frühjahrs-Kurses“ vor mehr als zehn Jahren, der jeweils über zwei Monate läuft. Dabei geht es im Wesentlichen darum, aktuelle Themen des Landes - beispielsweise die Sozialdoktrin der Kirche, Umweltfragen sowie die franziskanische Spiritualität - in Diskussion und Reflexion zu erörtern. Leitung und Moderation dieser Kurse liegen bei Fachkräften, die der franziskanischen Spiritualität verpflichtet sind.
An diesen Kursen nimmt die gesamte Franziskanische Familie (Priester, Ordensleute, Schwestern und Brüder des Dritten Regulierten Ordens, sowie die JuFra) teil. Er steht aber auch allen kirchlichen Gemeinschaften, Bildungseinrichtungen und Personen offen, die sich mit den Themen aus franziskanischer Sicht befassen wollen. Die Tatsache, dass dieser Kurs allen Freunden des franzisklareanischen Charismas offen steht, gehört zu den ganz großen Erfolgen des CCFMC-Teams.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist die Tatsache, dass das Bewusstsein für die gesamte Schöpfung, das daraus resultierende Engagement sowie der sorgsame und respektvolle Umgang mit ihr, schrittweise vorangekommen sind. Wir erkennen:
· welchen Reichtum die Menschen im Leben – sei es als Ordensmitglied oder als Laie – in sich tragen;
· die Sichtweisen der verschiedenen Generationen, da Menschen aller Altersstufen teilnehmen;
· die unterschiedlichen Lebensumstände, da Priester und Ordensleute, Verheiratete und Unverheiratete, Ruheständler, Vertreter verschiedenster Berufsgruppen, Hausfrauen und Studenten zu den Kursteilnehmern gehören.
Besonders hervorzuheben ist auch, dass durch den Kurs der Zusammenhalt innerhalb der Franziskanischen Familie gewachsen ist, und er ein fester Faktor bei vielen anderen Veranstaltungen zur Förderung der Spiritualität ist.
Für Laien stellt der Kurs einen wichtigen Bezugspunkt dar, um
· die Quellenschriften von Franziskus und Klara (das Testament, die Regel, die Briefe, die Schriften) kennen zu lernen und das Wissen darüber zu vertiefen;
· die Entwicklung von einer kindlichen Spiritualität (Franziskus als Heiliger der Tiere) zu einer erwachsenen Spiritualität zu vollziehen; zu entdecken, dass beide Formen dem Aufruf zur Nachfolge Christi – des Armen und des Gekreuzigten – entsprechen und uns auffordern, in brüderlicher Gemeinschaft und vereint mit der heiligen Kirche zu leben;
· in der Welt, dem wahren „Kloster“ des Heilen Franziskus, Zeugnis der Heiligkeit zu geben.
Es ist uns bewusst, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, damit der CCFMC überall verbreitet wird, auch dort, wo man die Stimme Gottes noch nicht hören will.
CCFMC-Team: Koordinatorin: Ana Hidalgo; Berater: Mario Márquez; Leiter des Franziskanischen Zentrums Chile: Ricardo Vásquez OFM; Sekretärin: Rosita Torres; Schatzmeister: Emilio Alfaro und Silvia Bravo; Iris Traverso und Marcela Bravo.
Chile, im Oktober 2008
Barfuß in den Fußspuren Jesu –
Christuserfahrung und Nachfolge des Franz von Assisi
Br. Niklaus Kuster OFMCap
4. vita evangelica et apostolica
Das Leben der Freunde um Jesus
Franziskus übersetzt den Auftrag Jesu an die Apostel und ihr Wanderleben mit dem Rabbi als Laie in die eigene Zeit und in seine umbrische Welt. Von der Jüngerrede (Mt 10) inspiriert, bricht auch er mit leeren Händen auf, sucht in Häuser und Gassen Frieden zu bringen, Aussätzigen Gutes zu tun, Gottes Zuwendung im Alltag der Menschen spürbar zu machen und das Evangelium zu leben. Obwohl er dabei Ablehnung und Verachtung erfährt, schließen sich bald erste Gefährten an.
Franziskus reagiert darauf erstaunt und verlegen. „Als der Herr mir Brüder gab, zeigte mir niemand, was ich tun soll. Der Höchste selbst hat bestätigt, dass wir nach der Form des Evangeliums leben sollen" (Test). Die Szene ist bekannt: Statt selber zum Lehrer seiner Gefährten zu werden, befragt er mit ihnen den einen, einzigen und gemeinsamen Herrn. Das dreimalige Aufschlagen der Bibel in der kleinen Marktkirche San Niccolò de Plathea zeugt von wenig Bibelkenntnis: Wie sollte Franz auch, bettelarm und ohne Bücher, ein Bibelleser sein? Was fundamentalistisch anmuten mag, erweist sich in der Folge als tiefgläubige und ebenso umsichtige wie realitätsnahe Übersetzung biblischer Christusbegegnung in die eigene Kirche. Ein Jahr später wird der mächtigste Papst des Mittelalters - ein brillanter Theologe - eine schlichte Lebensregel aus lauter Evangelienzitaten bestätigen und den laienhaften Brüdern die schlichte Predigt „im ganzen Erdkreis" erlauben.
Die erste Regel beginnt mit dem markanten und programmatischen Satz: „Das Leben der Brüder ist dies: der Lehre und dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus zu folgen" (NbR 1). Bevor Franziskus die Fußspuren Jesu entdeckt hat, entdeckte er das Kreuz. Die Meditation des Passionsgeschehens, das am San Damiano-Kreuz vom Hahnenschrei über den Ostermorgen bis zur Himmelfahrt erzählt wird, führte dem suchenden Kaufmann Gottes Menschsein vor Augen: als Rabbi arm und schlicht auf Erden, mit Gefährten und Freundinnen, und in einer Liebe, die selbst Feinden gilt. Nach zwei Jahren Einsiedlerjahren entdeckte Franziskus im Wanderleben der Apostel um Jesus seinen eigenen Weg. Mit den Gefährten, die sich ihm anschließen, nimmt er das galiläische Leben der Freunde um Jesus auf. Wie Jesus durch Dörfer und Städte zog, um sich nachts auch an stille Orte und auf Hügel zurückzuziehen, verbindet die frühfranziskanische Bewegung „Stadt und Stille", Zeiten im Einsatz für die Menschen mit Zeiten an „einsamern Orten“.

zurück
Druckversion