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CCFMC News Januar 2009

Der Kirche untertan und doch ganz frei


„Geh, stelle mein Haus wieder her.“(Gef 13). Franziskus hat zwar einige Zeit gebraucht, bis er diesen Auftrag richtig verstanden hatte. Doch als er seiner Sendung sicher war, wurde er zu einem wirklichen Erneuerer der Kirche; aber auf ganz eigenwillige Weise. Die Kirche war auf dem Höhepunkt päpstlicher Macht- und Prachtentfaltung, eine ecclesia triumsphans, in der kaum mehr Platz war für den „armen Jesus von Nazareth“. An ihn erinnerte er die Kirche, nicht mit Worten, sondern durch sein Leben. Und er geht diesen Weg, der kein stärkerer Kontrast hätte sein können, in einer entwaffnend liebenswürdigen Weise. Er kritisiert nicht. Er ist der „heiligen Kirche“ untertan und hat seine Brüder immer ermahnt, dass sie „der heiligen Mutter Kirche treu und untergeben sein sollen“ (TestS).

Dennoch brachte er es fertig, sich funktional nie ganz einbinden zu lassen. Er achtete und akzeptierte die Kirche, wie sie war, ohne aber an ihren Machtstrukturen teilzuhaben. Er und seine Brüder verhielten sich völlig anders als die Kirchenpraxis um ihn herum. In einer gewissen „Naivität“ versuchten sie, mit ihrem Leben zu überzeugen. Und das unbeirrt und hartnäckig. Franziskus weigerte sich nachhaltig, die gewohnten Wege geistlichen und mönchischen Lebens zu gehen. „Der Herr selbst hat mir offenbart“, auf diese innere Gewissheit hat er sich verlassen. Wenigstens in den Anfängen. Als die Bruderschaft größer wurde und immer mehr feste Strukturen brauchte, wurde auch unter den Brüdern der Wunsch nach größerer Sicherheit und Einbindung spürbar. Nach seinem Tod wurde ja dann sehr bald aus einer losen Bruderschaft ein ganz normaler Orden, der sich den üblichen Regeln unterstellte.

Und doch blieb der Orden stets auch ein Stück seiner „Gründervision“ treu verbunden. Immer wieder haben sich Brüder aufgemacht, um die ursprünglichen Ideale wieder zu beleben. Dabei ging es meistens um die Treue zur Armut. In diesen Erneuerungsbewegungen sind dann auch Widersprüche zur sonstigen kirchlichen Praxis deutlich geworden. Denn mit ihrem Lebensstil und pastoralen Wirken haben sie sich spürbar abgesetzt von einer bürgerlichen Wohlfühlkirche. Zu diesen Neuaufbrüchen darf in unserer Zeit sicher auch gezählt werden, dass franziskanische Brüder und Schwestern in Lateinamerika eine aktive und maßgebliche Rolle gespielt haben, als die Kirche nach Medellín und Puebla die Armen entdeckt und sich für ihre umfassende Befreiung eingesetzt hat. Kardinal Arns hat dazu vermerkt, dass die Kirche Lateinamerikas dadurch zu ihren franziskanischen Wurzeln zurückgefunden hat.

Indem Franziskus nicht kritisierte, keine großartigen Reformprogramme entwarf, nicht organisierte, sondern Zeichen setzte in der Art, wie er lebte, forderte er „seine“ Kirche, seine Zeit und uns alle auf eine Art heraus, wie es deutlicher nicht sein konnte. Sein Leben ist es, das überzeugte und herausforderte, nicht seine Lehre. Das war und ist seine geradezu unantastbare Praxis. So ist wohl auch das Wort von Papst Benedikt XVI. zu verstehen, das er noch als Präfekt der Glaubenskongregation sprach: „Es gibt in der ganzen Geschichte keine schärfere Kritik an der Kirche, als die des Franziskus durch sein Leben.“ Er ist, was er lebt. Das ist das ungeheuerlich Menschliche an ihm, dem man sich damals nicht entziehen konnte, und das auch heute noch ausreicht, Menschen zu begeistern.

Armut und Freiheit des Christenmenschen gehören zusammen. Wer sich so loslöst von allem Haben- und Herrschenwollen, wird letztlich unangreifbar. Er will ja niemandem etwas wegnehmen, niemanden beherrschen. Damit wird er frei davon, in andere Interessen- und Machtgetümmel hineingezogen zu werden. Wir können ihn nicht einfach nachahmen, aber wir können uns anregen lassen, auch unsere Konflikte in Kirche und Gesellschaft auf ähnliche Weise anzugehen: frei von Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten und sicher in dem Bewusstsein, dass auch wir seinen Kirchentraum wagen müssen, nämlich „untertan und doch ganz frei“ zu sein. Wenn wir in diesem Jahr an die Bestätigung der „Ersten Regel“ vor 800 Jahren durch Papst Innozenz III. erinnern, dann darf dieser franziskanische Auftrag nicht vergessen werden.

Andreas Müller OFM


Afrika

Franziskanische Familie in der Region der Großen Seen

Erstaunliches hat sich getan im Gebiet der Großen Seen. Vom 1. bis 6. Dezember 2008 trafen sich in Gitega – Burundi Schwestern und Brüder der Franziskanischen Familie aus Uganda, Rwanda, Burundi und Demokratische Republik Kongo, um über die Konsolidierung des Friedens in der Region zu sprechen und darüber, was die Franziskanische Familie dazu beitragen kann. Die Teilnehmer waren sich bewusst, dass sie sich dazu erst eine Struktur geben müssen, um die nötigen Schritte zu bündeln und um sich gegenseitig zu helfen und zu stützen. Am Ende des Treffens wurde LA FAMILLE FRANCISCAINE DES GRAND-LACS (FFRGL) gegründet. In das Koordinierungskomitee wurden vier Koordinatoren aus den 4 Ländern, ein Regionalsekretär, ein Schatzmeister und zwei Beiräte gewählt. Der Vorsitzende ist Frère Florent Rugigana OFM (Burundi). Der Sekretärin kommt aus Rwanda, Herr Avith Ntlimenynda OSF, und Schatzmeister Isia Jean Francis OFS aus dem Kongo.

Wer die jüngere Geschichte der Region der Großen Seen kennt und  weiß, welche Wunden der grausame Völkermord von 1994 in Rwanda geschlagen hat, und wer miterlebt, was zur Zeit im Ostkongo passiert, dem muss fast wie ein Wunder vorkommen, was die Franziskanische Familie hier zustande gebracht hat. Denn sie alle waren Zeugen des grausamen Geschehens vor über 10 Jahren. Es gab kaum eine Familie, die keine Toten zu beklagen hatte. Alle haben mit eigenen Augen gesehen, wie gefoltert, vergewaltigt und gebrandschatzt wurde. Auch die religiösen Orden blieben von dem wie ein Tsunami über sie kommenden Hass der Tutsis und Hutus nicht verschont. Und im Ostkongo fängt das nun alles wieder an. Es hat deshalb auch lange gedauert, bis die Brüder und Schwestern des großen Friedensstifters Franz von Assisi diesen Schritt wagen konnten.

Das merkte man im Laufe der Konferenz. Erst einmal musste das lange Schweigen und Verschweigen gebrochen werden. Man musste Schuld vergeben und um Entschuldigung bitten. Und nun mussten sie anfangen, den Worten auch Taten folgen zu lassen. In den vier Tagen ging es um die Aufarbeitung der Vergangenheit, es wurden die Probleme in den vier Ländern in den Blick genommen und Visionen und Träume formuliert, wie die konkrete Friedensarbeit aussehen könnte. Dabei haben zwei nicht direkt beteiligte Impulsgeber von außen kräftig mitgeholfen. So kam es schließlich zur Wahl des Komitees. Es wurden Kommissionen gebildet für bestimmte Aufgaben. Konkrete Aktionen wurden geplant, z.B. eine gemeinsame Internetplattform, koordinierte Hilfsaktionen über die Grenzen hinweg, Nachbarschaftshilfe für die Flüchtlinge im Ostkongo, soziale Projekte mit lokalen Mitteln. Weitere Themen waren Gesundheit, Erziehung, Menschenrechte, Umweltschutz, interreligiöser Dialog. Die Themen sind angesprochen. Und der Wunsch, sie auch umzusetzen, war deutlich zu spüren. Eine wichtige Rolle wird dabei auch der CCFMC spielen. Isia Jean Francis, unser Koordinator und Mitarbeiter im Kongo, hat bei der Vorbereitung des Treffens schon kräftig mitgeholfen und will nun dafür Sorge tragen, dass die franziskanische Spiritualität zum tragenden Element dieses Neuanfangs wird.

Einer der Beteiligten schreibt: „Wir gehen auseinander als Freunde, bestärkt in der Hoffnung auf eine Fortsetzung der franziskanischen Botschaft. Franziskus hat den bösen Wolf befriedet. Warum sollen wir jetzt nicht zu den Rebellen gehen und mit ihnen reden? Franziskus hat begeistert und provoziert, er hat durch sein Leben Kirche und Gesellschaft seiner Zeit verändert. Nun 800 Jahre später ist es unsere Aufgabe, unsere Region an den Großen Seen zu verändern – mit der gleichen Botschaft wie damals.“ Wir wünschen unseren Brüdern und Schwestern dazu viel Glück und alles Vertrauen.

 

Demokratische Republik Kongo

Der nachfolgende Bericht von Frau Plaxede Kagarabi Nabintu auf dem Treffen in Burundi zeigt, wie schlimm es um die Frauen und Kinder in Goma, Nord–Kivu-Provinz steht und wie dringend die Initiative der Franziskanischen Familie in der Region ist.

In früheren Zeiten lebten die Menschen verschiedener Volksgruppen in der Stadt Goma friedlich miteinander. Erst nach dem Krieg von 1996 schlug diese Situation um. Der Hass unter den Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen nimmt ständig zu. Das hat vielfältige Konsequenzen, und die Unschuldigen sind davon am schlimmsten betroffen.

Vor allem Frauen und Kinder sind die Opfer. Erbarmungslos werden sie mit Machete, Axt oder Messer getötet. Kinder werden mit Gewalt von den Müttern weggeholt und als Kindersoldaten eingesetzt. Mütter und junge Frauen werden systematisch vergewaltigt und als Sexsklavinnen in die Wälder verschleppt. Häufig werden ihnen mit Bajonetten, Gewehrkolben oder anderen harten Gegenständen schwerste Verletzungen im Genitalbereich zugefügt, sie werden verstümmelt und leiden danach häufig unter Entzündungen, Fisteln und anderen unheilbaren Krankheiten. Nach solchen Demütigungen und Verletzungen ziehen sich viele dieser Frauen traumatisiert zurück oder sterben irgendwo im Verborgenen fernab der öffentlichen Wahrnehmung.

Auch die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich zunehmend. Geschäftsleute kaufen keine neue Ware mehr aus Angst vor Plünderungen. Das Geld wird daheim gehortet und damit verlieren auch Kleinhändler ihre Einnahmequelle. In abgelegenen Gebieten liegen die Felder inzwischen brach, und so breitet sich unweigerlich Hungersnot mit allen humanitären Folgen aus. In großen Orten wie Goma und Bukavu müssen Lebensmittel sehr teuer importiert werden und sind nur noch für Reiche bezahlbar.

Die soziale Lage ist alarmierend. Viele Vertriebene strömen nach Goma. Einige finden Aufnahme bei Familien, die selbst kaum etwas zum Teilen besitzen, andere werden in Flüchtlingslagern untergebracht. Die Mehrheit der Obdachlosen verbringt jedoch die Nächte unter freiem Himmel, obwohl gerade Regenzeit herrscht. Verletzte können kaum mehr behandelt werden. Viele Kinder, die beide Eltern in diesem Krieg verloren haben, leben auf der Straße. Witwen müssen ohne Hilfe auskommen.

Kein Mensch versteht wirklich die Gründe für diesen ungerechten Krieg, der einer unschuldigen und wehrlosen Bevölkerung aufgezwungen wird. Die Beobachtungsmission der Vereinten Nationen MONUC steht machtlos vor dieser tragischen Situation. Es muss eine rasche Lösung gefunden werden, damit die Menschen wieder harmonisch miteinander leben können wie in früheren Zeiten. Denn im Krieg „wird der Mensch zum Feind des Menschen“.

 

Lateinamerika

2. Kontinentale Versammlung des Kurses zum franziskanisch-missionarischen Charisma vom 14.-16. Oktober 2008 in Brasilia

Teilnehmer dieser Versammlung waren die nationalen Koordinatoren und Koordinatorinnen aus Peru, Uruguay, Ecuador, Paraguay, Brasilien, Kuba, Argentinien, Kolumbien, der Dominikanischen Republik und Mexiko; ferner Pater Andreas Müller und Patricia Hoffmann aus Deutschland. Insgesamt waren 23 Personen anwesend.

Referat vor Pater Andreas Müller

In seinem Vortrag zum Thema „Franz von Assisi – Eine radikale Alternative in einer globalisierten Welt“, den Pater Andreas zum Auftakt der Beratungen hielt, betonte er zunächst die revolutionäre Wende in der Spiritualitätsgeschichte der Kirche, die mit Franziskus begann. Nicht mehr die festgefügte Gemeinschaft der Mönchsorden war ihm Vorbild, sondern Jesus selbst. Wie er wollte er durch die Lande ziehen und den Armen die befreiende Botschaft vom Reich Gottes verkünden. Wer sich dieser Botschaft für die Armen verpflichten will, muss selber arm sein, darf nicht an feste Orte gebunden sein, sondern muss mit leichtem Gepäck durch die Lande ziehen können. Mobilität, Armut und Gewaltlosigkeit sind die Kennzeichen der Bruderschaften, die die befreiende Botschaft des Evangeliums wieder erfahrbar machen wollen.

Die Rückerinnerung an diese Anfänge der franziskanischen Bewegung wird zur Herausforderung für uns heute. Wir leben in einer alle Bereiche erfassenden Globalisierung. Diese findet beispielsweise in der gegenwärtigen Finanzkrise Ausdruck, von der die ganze Welt betroffen ist. Die Logik des neoliberalen Marktes steht auf dem Prüfstand. Die ganz andere Sichtweise auf Geld, Markt, Macht und Umwelt, die uns Franziskus lehrt, müssen wir durch unser Leben und Verhalten auch heute erfahrbar machen und in die Debatte einbringen.

Gruppenbeiträge im Plenum am Nachmittag

In Gesprächsgruppen diskutierten die Teilnehmer die Impulse des Referates. Wie bei Lateinamerikanern üblich wurde der sozio-politische Kontext sehr deutlich, in den sie das Gehörte zu übertragen versuchten. Ihre kritischen Rückmeldungen zeigen, dass sie Anspruch und Wirklichkeit der franziskanischen Präsenz in Lateinamerika sehr wohl kennen und auch beim Namen nennen. Das kann als Beispiel gelten, wie wir die Herausforderungen der 800-Jahrfeier annehmen und bedenken sollten. Hier eine Zusammenfassung der Gruppenberichte:

§     Wie können wir den Anspruch von Franziskus und Klara nach einer evangelischen Lebensweise erfüllen? Wir müssen uns bewusst machen, was es bedeutet, arm zu sein, und wir müssen dort, wo wir leben, für Gerechtigkeit und Gemeinsinn arbeiten. Wir haben Institutionen, die wir nicht haben sollten: Wir vernachlässigen das, was die Regel zum Thema Eigentum sagt. Wir dürfen uns nicht weiterhin wie Kolonisatoren verhalten, sondern müssen uns den Kleinen zuwenden. Der Reichtum der Evangelisierung besteht darin, das Wachsen von Autonomie zu fördern, nicht das von Unterordnung. Es ist wichtiger, die Armen auf den Weg zur Autonomie zu führen und ihnen in ihrem Kampf nahe zu sein, als ihnen Almosen zu geben.

§     Wir müssen die Fähigkeit pflegen, den Armen zuzuhören, um von ihnen zu lernen. Mit den Armen lernen wir den Geist des Evangeliums: Franziskus lernte die Armut, indem er an der Armut der anderen teilhatte. Heute leben viele Menschen in äußerster Armut. Die wirtschaftliche Ausgrenzung und Ausbeutung der Kleinen ist ein Hilferuf unserer Zeit. Viele Menschen schreien geradezu nach Arbeit, nach Bildung, nach Gesundheit. Ihnen müssen wir nahe sein. Dann werden wir erkennen, dass die Medien die harte Realität ausgrenzen und die Welt meist nur aus der Sicht der Reichen und Mächtigen beurteilen. 

§     Der Kirche gelingt nicht immer, Antworten auf diese Probleme zu geben, weil sie häufig in einer Parallelwelt lebt, in der die Armen nicht vorkommen. Wir müssen unsere Einstellung überdenken und kritischer werden. Dazu müssen wir uns aber ernsthaft mit sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Analysen beschäftigen und uns auch der Welt der Jugend annähern. Sonst kümmern wir uns mehr um uns selbst als um die Ausgegrenzten.

§     Was können wir von Franziskus lernen? Nun, ausgehend von unserer Realität sollen wir das Evangelium so leben, dass uns die Strukturen nicht mehr daran hindern, Brüderlichkeit und Entäußerung ernsthaft zu erleben. Es geht darum, Christus in den Armen zu erleben. Um diese Mystik des Dienstes zu erreichen, müssen wir unser Herz bekehren zum Geist Christi, als Einzelne und als Gemeinschaft. Dann wird das Evangelium zum Lebensmodell, mit Gott in der Mitte. Diese Vision müssen wir uns erhalten.

§     Was bedeutet die Option für die Armen für uns heute ganz konkret? Wer sind diese Armen in unseren Ländern oder an unserem Arbeitsplatz? Viele Menschen leben in extremer Armut, weil sie ausgebeutet und wirtschaftlich, politisch und sozial ausgeschlossen sind. Arm sind aber auch Menschen, die wirtschaftlich stark und wohlhabend sind, weil es ihnen an Identität und Werten mangelt und sie mehr um den Schein als um das Sein besorgt sind.

§     Es geht also um die Armen vor der Tür. Um sie müssen wir uns kümmern, um die Menschen ohne Arbeit, ohne Bildungschancen, ohne Gesundheitsvorsorge. Sie brauchen vor allem Anerkennung als Menschen, sonst geraten sie immer tiefer in Armut, Diskriminierung, Verfolgung und Hoffnungslosigkeit, zumal sie auch in den Massenmedien keine Verbündeten haben. Und was unsere Regierungen betrifft, leisten sie oft nur Hilfe nach dem Motto „Brot und Spiele“, die nicht wirklich aus der Not herausführt, sondern die Armen ruhig und dankbar halten soll. Das aber führt letztlich zur sozialen Anästhesie, weil sie den Selbsthilfewillen schwächt. Die Rettungsprogramme der Regierungen in der gegenwärtigen Finanzkrise zeigen deren einseitige Sicht. Den Banken wird geholfen, den Alten, die ein Leben lang gearbeitet haben, werden gleichzeitig die Renten gekürzt. Und so kommt es, dass die große Mehrheit des Volkes weder Hoffnung noch Fortschritt sieht und in gefährliche Alternativen abgleitet, nämlich Raub, Prostitution, Gewalt innerhalb und außerhalb der Familien. Die Umweltverschmutzung, die Genmanipulation, der missbräuchliche Umgang mit Wasser und den Reichtümern der Erde sind weitere Faktoren, die Armut und Elend verursachen.

§     Wie soll und kann man in dieser Welt die Stimme Gottes hören, wie eine Antwort im Sinne des Evangeliums geben, und wie kann man den Stimmlosen eine Stimme geben, wie es seinerzeit Franziskus getan hat? Denn auch heute verbünden sich Macht und Reichtum wie damals. Und es scheint, dass auch die Kirche und der Klerus wie damals sich dieser Probleme nicht wirklich bewusst sind. Gewiss, Ausnahmen gibt es, vor allem die Basisgemeinden, die Nichtregierungsorganisationen, Lebensmittelbanken usw. Der Klerus ist gespalten: der größere Teil steht auf der Seite der Wohlhabenden, der  kleinere Teil auf der Seite der Ausgeschlossenen. Und wo steht die Franziskanische Familie?

§     Wenn wir uns diesen Herausforderungen stellen wollen, brauchen wir eine Reihe von Maßnahmen: Kurse zur Analyse der realen Verhältnisse, mit Exposerprogrammen vor Ort, damit wir den Schmerz und den Unmut des Volkes Gottes erleben. So wie Franziskus das getan hat: eingebettet und in Treue zur Kirche, aber wach und aktiv, engagiert für die Verwirklichung des Reiches Gottes. Im Augenmerk sollten vor allem die jungen Menschen stehen, die von ihren Eltern allein gelassen sind – sei es wegen der Arbeitszeiten, wegen Übermüdung, wegen des Mangels an Bildung oder auch Interesse. Sie leiden am Fehlen von Familiengefühl, von Identität und am Mangel von Idealen und Werten. Fast zwangsläufig übernehmen sie deshalb die von der Konsumgesellschaft propagierten Werte. Die Kirche bietet nicht ausreichend Raum und Ansprechpartner, die sie in ihrer Entwicklung begleiten.

§     Von der Kritik jedoch müssen wir zum Handeln übergehen: Wir müssen Ideale und machbare Aktionen anbieten. Die Jugend soll teilhaben am Werk der Evangelisierung. Sie ist das Herz der Menschheit und das deutlichste Zeichen für den Zustand der Menschheit: So wie es um die Jugend bestellt ist - so ist es um die Menschheit bestellt. Unsere Aufgabe ist es, sie zu sensibilisieren für die Bedürfnisse der Armen und der Natur, sie in ihrem Schmerz zu begleiten, aber auch Ihr Engagement für die Schöpfung, für das Leben, die Bedürftigsten zu fördern.

§     Dazu brauchen wir Expertengruppen von Psychologen, Soziologen und Erzieher, die die Jugendlichen bei der Lösung von Problemen (Sorgen, Ängste, Einsamkeit) in ihren Gemeinden beraten. Vorbild sollte Franziskus sein. Die Leprosen haben ihm die Augen geöffnet. Und deshalb wollte er, dass die Brüder bei ihnen in die Schule gehen. So ähnlich sollten die Jugendlichen mit der harten Realität ihrer Umgebung vertraut gemacht und befähigt werden, sich für die Armen, die indigene Bevölkerung, die Frauen und die Vergessenen einzusetzen. Daraus wächst dann die Freude, etwas Sinnvolles getan zu haben. Kurz: den Jugendlichen sollen Werkzeuge an die Hand gegeben werden, mit denen sie etwas verändern und deutlich machen können, dass der krasse Gegensatz von Elend und Reichtum, von Hoffnungslosigkeit und Fülle, von Tod und Leben nicht dem Plan Gottes entspricht. Der Gott der Bibel ist ein Gott des Lebens, an dem alle teilhaben sollen.

Zusammenfassung

Néstor Ganduglia aus Uruguay, ein Laienbruder, der kein Franziskaner, aber ein Bewunderer von Franziskus ist, kommentierte nach der Plenarsitzung die Gruppenbeiträge:

Er äußerte tiefe Unzufriedenheit über die tatsächliche Fähigkeit der Institutionen, in der Umgestaltung der Welt der Armen tätig zu sein. Eine Institution kümmere sich um sich selbst. Die Institution, die weit von der Realität entfernt sei, habe Schwierigkeiten bei der Gestaltung ihres Handelns in dieser Welt. Andererseits sei Frustration angesichts der Ergebnisse der Arbeit mit und für die Armen festzustellen.

Die Charakteristika der Institution, der wir angehören, müssten überprüft werden. Häufig würden wir im Umgang mit dem Anderen ein autoritäres Verhalten an den Tag legen. Franziskus und Klara hätten eine Erneuerung herbeigeführt, ohne dass sie dazu eine Erlaubnis gebraucht hätten. Sie hätten ihre Gewänder abgelegt und die Armen umarmt.

Wir müssten auch unsere Auffassung von Evangelisation neu erarbeiten: wichtig sei es, sie nicht als einen Gefallen zu verstehen, den wir anderen tun, sondern wir müssten sie verstehen als ein Uns-Öffnen für das Lernen, ein Öffnen für die Evangelisation durch den Anderen, mehr zuzuhören als zu reden. Die Armen, die Kleinen könnten uns vieles aus ihrem besonderen Erfahrungsfeld lehren.

Es gebe, sagt er, zwei Formen der Missionierung: Die eine im Bündnis mit den Kolonisatoren, die mit Gewalt und Herrschaft verbunden ist, um dem Anderen unsere Spiritualität zu übertragen. Die andere findet statt auf dem Weg des Dialogs, ohne Zwang; sie ermöglicht es, dass sich das entfaltet, was in jedem Einzelnen angelegt ist.

Anmerkung: Wir waren uns einig, dass der CCFMC das geeignete Instrument ist, den nötigen Lernprozess in Gang zu bringen. Weshalb? Er ist 1. das Ergebnis eines langen interkulturellen und interfranziskanischen Dialogs; er bringt 2. die modernen Probleme in eine franziskanische Perspektive und er ist 3. offen für lokale Ergänzungen und für neue Themen.

 

Asien

Erste Schritte des CCFMC in Festlandchina

Mitglieder der Franziskanischen Familie in der Volksrepublik China haben erstmals im eigenen Land ein Seminar zum franziskanisch-missionarischen Charisma abgehalten und damit eine neue Keimzelle des CCFMC mit Leben erfüllt.

Das Seminar fand vom 26. bis 31. Oktober 2008 in der Ortschaft Tao Li, Gemeindebezirk Sanyuan, in der Provinz Shaanxi statt. In dieser Provinz hatten seinerzeit die ersten franziskanischen Missionare mit der Verkündung der Frohen Botschaft in China begonnen, weshalb auch heute noch die meisten franziskanischen Schwestern und Brüder hier zu finden sind. In die Ortschaft Tao Li, die etwa 800 Gemeindemitglieder und davon 70 SFO-Mitglieder hat, hatte der Pfarrer der Diözese, Pater Ma Yonglu OFM, eingeladen.

In den vergangenen Jahrzehnten hatten die Franziskaner in China so gut wie keinen Zugang zu franziskanischer Weiterbildung. Sie klagten darüber, dass sie nur sehr wenig über die Spiritualität von Franziskus und Klara wüssten. Schwester Jeanne Luyun SFIC, kontinentale Koordinatorin des CCFMC, machte die Franziskaner der Volksrepublik China mit dem CCFMC und seinen Kursangeboten bekannt und lud sie zur Teilnahme am Internationalen Programm des CCFMC in der Thailändischen Hauptstadt Bangkok ein. Fünf franziskanische Schwestern und Brüder konnten der Einladung folgen und kamen zum Exerzitien-Seminar. Inspiriert von der Spiritualität von Franziskus und Klara, die sie dort erlebten, und unter dem Eindruck dieser Veranstaltung beschlossen die Brüder und Schwestern aus China einen Aktionsplan für drei Jahre. Ein CCFMC-Kernteam sollte für die Umsetzung sorgen.

Gemeinsam mit Pater Leonard Chen Pingcang OFM, der zum nationalen Koordinator für China ernannt wurde, organisierte das Kernteam nach Bangkok in nur fünf Monaten die erste Versammlung der Franziskanischen Familie auf dem chinesischen Festland.

Das Thema  für das Treffen lautete „Der Beginn des franziskanisch-missionarischen Charismas.“ Als Ziel wurde festgelegt: „Einen Überblick zu erlangen über die Franziskanische Familie und das Leben von Franziskus und Klara; Studium der Geschichte, Spiritualität und Mission des franziskanischen Charismas.“ Die Organisatoren machten deutlich, dass noch gründlichere Studien erforderlich seien, um sich umfassend mit den Strukturen, Inhalten und der Methodik des CCFMC vertraut zu machen. So dienten die Vorträge als Einführung in die CCFMC-Kurse.

Am Seminar nahmen 52 Brüder und Schwestern teil – Mitglieder des OFM, des Dritten regulierten Ordens franziskanischer Schwestern, der Weltlichen Franziskaner, der YOUFRA sowie der Freunde von Franziskus und Klara. Sie kamen aus zehn Provinzen Festlandchinas sowie einer aus Hongkong. Die liturgischen Gebete bereitete Pater William Wu OFM aus Taiwan vor.

Nach Begrüßung und Vorstellung der Teilnehmer hielt Pater Joseph Song OFM am ersten Tag ein Einführungsreferat über das Leben von Franziskus und Klara. Am zweiten und dritten Tag sprach Pater Joseph Ha OFM aus Hongkong über die Schriften von Franziskus, die Geschichte der Franziskanischen Familie und die Geschichte der Franziskanischen Mission in China. Am letzten Tag des Seminars stellte Pater Leonard Chen OFM die CCFMC-Lektionen 7 und 9 vor und referierte über „Die Franziskanische Mission nach den frühen Quellen“ und „Die Franziskanische Mission nach den modernen Quellen.“

Nach jedem Referat ergaben sich lebendige und intensive Diskussionen. Bemerkenswert ist, dass die meisten Teilnehmer ihre Entschlossenheit bekundeten, ein evangelisches Leben nach dem Vorbild von Franziskus und Klara auch unter den gegenwärtigen Umständen im Land zu führen. Es gebe zwar keine völlige Freiheit, aber sie würden versuchen, ihr Bestes zu geben, um ihren Nachbarn Jesus Christus durch Wort und Tat nahe zu bringen. Von vielen Teilnehmern kamen Anregungen für Verbesserungen beim nächsten Seminar. Dem CCFMC-Team fehlen im organisatorischen Bereich noch Erfahrung und Professionalität.

Sri Lanka

Franziskaner in Sri Lanka feiern Jubiläum

Marlene Perera FMM war mit dabei, als Franziskaner aus Sri Lanka im Oktober 2008 den Jahrestag der Franziskanischen Bewegung begingen. Sie schreibt:

Rund 100 Franziskaner und Franziskanerinnen versammelten sich am 25. Oktober 2008 im „Good News“-Ashram nahe Colombo, um den 800. Jahrestag der Franziskanischen Bewegung zu feiern. Gekommen waren Mitglieder von OFM, OFMCap, FMM, FMCK, TOR, und vom Heiligen Kreuz. Organisiert hatte dieses brüderliche Jubiläumstreffen das Nationale CCFMC-Koordinierungsteam. Es war das erste Mal, dass so viele Franziskaner/Franziskanerinnen in Sri Lanka als eine große Familie zusammen kamen.

Nach einem ersten Kennenlernen beim Tee hielt Pater Bennie OFM ein inspirierendes Referat zum Thema „Radikale Botschaft und Herausforderung der Franziskanischen Bewegung für die Gesellschaft und die Kirche in der Zeit von Franziskus.“ Zentraler Punkt seiner Rede war, dass eine tiefe Gotteserfahrung Franziskus veranlasste, sich für Armut und ein Leben der Buße zu entscheiden und unter den Leprakranken zu leben. Er entschied sich für die Armut nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie Ausdruck der von ihm erfahrenen Liebe war, und weil er sein Leben mit den Minderen teilen wollte. Auch wenn er nicht im Sinn hatte, eine Herausforderung für die Gesellschaft zu sein, so hat sein Beispiel andere doch veranlasst, ihm zu folgen. Damit war diese prophetische Bewegung geboren, die eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft war.

Einem kurzen Gedankenaustausch zu diesem Thema folgte dann das Referat von Pater William OFM Cap. über „Radikale Herausforderung des Franziskanischen Charismas für die Franziskaner in der globalisierten Gesellschaft von heute.“ Er führte den Teilnehmern vor Augen, dass die heute überall herrschende Kultur des Geldes, die Konsum-Mentalität, der Hunger nach Macht, Ruhm und Ansehen etc. immer mehr Menschen ausschließe, sie ausnutze und ausgrenze. Was wir heute erlebten, sei eine Neuauflage der von Kommerz beherrschten Gesellschaft, jedoch mit drastischen Folgeerscheinungen und dem Geld als oberstem Herrscher. Daher seien wir alle aufgerufen, den Fußspuren unseres Vaters Franziskus folgend die gleichen Herausforderungen anzunehmen; wir müssten mit Liebe und Kreativität handeln, den Geist erkennen und uns den Herausforderungen unserer franziskanischen Berufung aufrichtig stellen.

Der feierlichen Festmesse folgte ein festliches Mittagessen. Danach diskutierten wir Teilnehmer zwei Fragen:

Franziskus erkannte die Probleme seiner Zeit. Und Gott führte ihn und Klara zu einer kreativen Antwort, nämlich zum Beginn der Franziskanischen Bewegung.

1.       Wie verstehst Du die gegenwärtige Lage in Sri Lanka? Nenne drei wichtige Themen.

2.       In welcher Weise können wir darauf reagieren 
    -
als Franziskanische Familie
    -
als Franziskanische Gemeinschaften
    -
als Einzelner

Die Ergebnisse der fünf Gruppen wurden in einem offenen Forum ausgetauscht und erörtert. Es ging im Wesentlichen um folgende Punkte: Krieg und Gewalt mit ihren schrecklichen Folgen und einer Brutalisierung der Kultur; Leiden von Frauen und Kindern; die über alles gehende Bedeutung des Geldes; Arbeitslosigkeit; zunehmende Armut, Ungerechtigkeit, Ausbeutung von Frauen; Probleme der Jugend: Drogenmissbrauch; antisoziale Verhaltensweisen.

Als Franziskanische Familie müssen wir mindestens zwei Mal pro Jahr zusammenkommen, um uns besser kennen zu lernen, uns über unsere Kämpfe, Sorgen und unser Amt auszutauschen und unsere gegenseitige Solidarität und Unterstützung zu festigen. 

 

Kurz berichtet

Exerzitien in Auckland zum Franziskus-Jubiläum

Zum 800. Jubiläum der Franziskanischen Bewegung, das 2009 begangen wird, will das franziskanische Exerzitienhaus „St. Francis Retreat Centre“ in Auckland/Neuseeland drei spezielle Exerzitienkurse anbieten. Der Leiter des Hauses, P. Bernie Thomas, will dabei die franziskanische Spiritualität in den Mittelpunkt stellen. Grundlage werden die CCFMC-Lehrbriefe sein. Diese seien, so betont er, sehr gut geeignet, die Menschen zum Nachdenken über unsere missionarische Berufung anzuregen.

Nähere Informationen sind zu finden auf der Webseite www.stfrancisretreatcentre.org.nz (Retreats 2009).

800-Jahrfeier in Sarajevo

Zur Vorbereitung auf die 800-Jahrfeier unseres franziskanischen Charismas in Bosnien-Herzegowina und Kroatien boten wir der Franziskanischen Familie die Möglichkeit, unsere franziskanische Spiritualität zu vertiefen. Im Zeitraum 2007-2008 wurden 18 Wochenendseminare zum Thema ”Das Evangelium franziskanisch leben”  für die franziskanischen Schwestern aus Sarajevo, Split, Dubrovnik und Zagreb durchgeführt.

Von September bis Dezember 2008 fanden elf  Wochenendseminare für die Franziskanerinnen der bosnisch-kroatischen Provinz (Sarajevo) statt. Das Animatorenteam mit Sr. Ivanka Mihaljević FSS, Sr. Kata Karadža FSS, Br. Marinko Pejić OFM und Br. Pero Vrebac OFM hat einige Lehrbriefe zur Vertiefung franziskanischer Identität, Werte und Zusammen-gehörigkeit vorgestellt, um sie auch mit Anderen in Kirche und Gesellschaft zu teilen.

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Unsere guten Wünsche für das Neue Jahr verbinden wir mit einer herzlichen Einladung zum

INFAG-Seminar - Mit Franziskus und Klara im Dialog

Einführung in den "Grundkurs zum franziskanisch-missionarischen Charisma" (CCFMC) vom 26. - 28.06.2009 im

Bildungshaus Kloster Reute,
88339 Bad Waldsee
Veranstalter: INFAG Zentrum, Würzburg - Anmeldung bitte schriftlich an das INFAG Zentrum

Br. Anton Rotzetter OFMCap, CH-Altdorf und Sr. Maria Hanna Löhlein OSF, Bad Waldsee werden den Kurs begleiten. Eine gute Gelegenheit, im Jahr der 800-Jahrfeier die Aktualität der franziskanischen Spiritualität neu zu entdecken. Alle nötigen Informationen und das Anmeldeformular findet Ihr/finden Sie auf dem Flyer, der über den angefügten Download aufzurufen ist.

http://www.infag.de/seiten/userfiles/fb_ccfmc_grund.pdf