Franziskanische Perspektiven

franziskanischeperspektiven

Im vergangenen Jahr haben wir an 50 Jahre II. Vatikanisches Konzil erinnert und dabei auf die Konvergenz der franziskanischen Grundoptionen mit den Dokumenten des Konzils aufmerksam gemacht. In diesem Jahr wollen wir das vertiefen und zeigen, wie die "franziskanischen Perspektiven" mit dem Konzil korrespondieren.

 

 

Januar 2013

Wider die Sinnkrise: Hoffnung, die Zukunft verheißt

„Gewiss ist die Menschheit in unseren Tagen voller Bewunderung für die eigenen Er-findungen und die eigene Macht; trotzdem wird sie oft ängstlich bedrückt durch die Fragen nach der heutigen Entwicklung der Welt, nach Stellung und Aufgabe des Men-schen im Universum, nach dem Sinn seines individuellen und kollektiven Schaffens, schließlich nach dem letzten Ziel der Dinge und Menschen. Als Zeuge und Künder des Glaubens des gesamten in Christus geeinten Volkes Gottes kann daher das Konzil des-sen Verbundenheit, Achtung und Liebe gegenüber der ganzen Menschheitsfamilie, der dieses ja selbst eingefügt ist, nicht beredter bekunden als dadurch, dass es mit ihr in einen Dialog eintritt über all diese verschiedenen Probleme; dass es das Licht des Evangeliums bringt und dass es dem Menschengeschlecht jene Heilskräfte bietet, die die Kirche selbst, vom Heiligen Geist geleitet, von ihrem Gründer empfängt. Es geht um die Rettung der menschlichen Person, es geht um den rechten Aufbau der mensch-lichen Gesellschaft. Der Mensch also, der eine und ganze Mensch, mit Leib und Seele, Herz und Gewissen, Vernunft und Willen steht im Mittelpunkt unserer Ausführungen. Die Heilige Synode bekennt darum die hohe Berufung des Menschen, sie erklärt, dass etwas wie ein göttlicher Same in ihn eingesenkt ist, und bietet der Menschheit die auf-richtige Mitarbeit der Kirche an zur Errichtung jener brüderlichen Gemeinschaft aller, die dieser Berufung entspricht." (Gaudium et Spes Nr. 3).

Jahrzehnte sind vergangen, seit das Zweite Vatikanische Konzil diesen programmatischen Text geschrieben hat. Noch ist man erfüllt von Optimismus und teilt vorbehaltlos die Bewunderung für die großartigen technischen Erfindungen und die Macht der Menschen, was die Gestaltung der Erde betrifft. Man hatte damals die Hoffnung, dass man sozusagen jedes Problem technisch lösen könnte; es braucht dazu nur genügend Geld und einen langen Atem. Wenn nicht jetzt, so doch in – vielleicht ferner – Zukunft werden wir alles in Ordnung bringen können. Dieser Fort-schrittsglaube ist unterdessen gänzlich erschüttert worden, die Ohnmacht des Menschen alltäg-liche Erfahrung. Nacheinander wurde eine fundamentale Krise greifbar: Krise des wissenschaft-lichen Denkens, Vertrauenskrise, Bindungskrise, Finanzkrise, Ernährungskrise, globale Wirt-schaftskrise - und alles gipfelt in einer umfassenden Sinnkrise. Etwas davon glaubte das Konzil bereits damals feststellen zu können: da gibt es die Angst, bedrängende Fragen bezüglich der Zukunft und der Stellung und der Aufgabe des Menschen.

Das Konzil bietet dazu einen Dialog an. Es ist sich gewiss, dass die Kirche etwas zu bieten hat: Heilungs- und Rettungskräfte für die Welt, den eingesenkten göttlichen Samen, und vor allem die Herausstellung der menschlichen Würde und der göttlichen Berufung des Menschen. In allem gibt es einen Sinn, eine Gerichtetheit auf eine umfassend geschwisterliche Gemeinschaft, zu welcher die Kirche ihre Mitarbeit anbietet. Aber ist es tatsächlich rettend, wenn man den Menschen so sehr ins Zentrum rückt, wie das Konzil es tut?

Ich möchte versuchen, von Franz von Assisi her eine differenziertere Sicht anzubieten:

1. In zweifacher Hinsicht ist der Mensch nicht das Zentrum, um das sich alles dreht. Er ist vielmehr eingebettet in ein größeres Ganzes, in die Schöpfung, von der er ein Teil ist. Und die Schöpfung ist auf Gott gerichtet, den es anzubeten gilt.

2. Der Mensch ist in Tat und Wahrheit zuerst Teil des Problems und erst, wenn er dies einge-steht, dann auch ein Teil der Lösung. Franziskus sagt in seinem Sonnengesang, dass kein Mensch würdig sei, Gott auch nur zu nennen. Zu sehr hat er sich von Gott entfernt, zu sehr hat er sich dem konsumistischen Denken unterworfen, zu sehr hat er sich die Geschöpfe angeeignet, als dass er noch uneigennützig und selbstlos Gottes Namen aussprechen könn-te. Deswegen kommt es den nichtmenschlichen Wesen eher zu, Gott zu preisen. Und so ruft Franziskus im Sonnengesang Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wasser, Luft und Erde, und anderswo auch Vögel und andere Tiere auf, das zu tun, wozu er, der Mensch, nicht fähig ist.

3. Der Sinn des Lebens besteht nach Franziskus darin, guter Humus, empfangsbereite Erde (NbR 22) zu sein, Mutter und Nährboden für den göttlichen Samen, von dem das Konzil spricht. Nun ist aber unterdessen die Evolutionstheorie so weit akzeptiert, dass die ganze Entwicklung nicht nur vorprogrammiert scheint. Der Mensch hätte demnach auch keine Freiheit, den gesetzmäßig ablaufenden Naturgesetzen eine bestimmte andere Richtung zu geben beziehungsweise einen spezifischen menschlichen, christlichen oder gar franziskani-schen Sinn zu wählen. So eine Behauptung zeugt aber von einem allzu reduktionistischen Verständnis der Evolutionstheorie. Denn diese sieht durchaus auch Korrekturen durch zweckmäßiges beziehungsweise sinnhaftes Zusammentreffen verschiedener Faktoren vor. Unser Verhalten hat Einfluss, auch wenn wir ihn wissenschaftlich nicht angemessen beschreiben können.

4. Der Beitrag, den franziskanische Menschen durch eine spezifische Perspektivenwahl zur zukünftigen Welt leisten können, besteht also in der Praxis des ausgerichteten Lebens. Als "Pilger und Fremdlinge", also durch keinerlei Besitz- und Eigentumsansprüche, weisen wir auf die Heimat jenseits der Erscheinungen. Durch die "Erhabenheit der Armut" sind wir auf das Sein ausgerichtet, auf Lebendigkeit, die sich im "Land der Lebendigen" vollendet. Durch die "virtus", durch eindeutige kraftvolle Eigenschaften des Charakters, werden wir den wahren Reichtum zeigen (Regel 6). Und durch die ehrfürchtige Anerkennung der ande-ren Geschöpfe als bleibend auf das Lob Gottes ausgerichtete Wesen bringen wir das Ziel des Ganzen zur Geltung: der Glanz Gottes, der alles erfüllt.

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Franziskus und die Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung

„Wenn er sich die Hände wusch, wählte der selige Franziskus den Ort so, dass das Wasser nachher nicht von den Füßen misshandelt wurde. Wenn er über einen Felsen wandern musste, ging er mit Furcht und Ehrfurcht aus Liebe zu dem, der Fels ge-nannt wird. ... Dem Bruder, der den Garten pflegte, sagte er auch, er solle nicht in der ganzen Erde des Gartens nur essbare Kräuter anpflanzen, sondern einen Teil der Erde freilassen, damit sie blühende Kräuter hervorbringe, die zu ihrer Zeit die Schwestern Blumen hervorbringen. Er sagte sogar, der Bruder Gärtner solle in einer Ecke des Gartens ein schönes kleines Gärtchen anlegen und dort alle wohlriechenden Kräuter und alle Gräser, die schöne Blumen hervorbringen, setzen und anpflanzen, damit sie zu ihrer Zeit all ihre Betrachter zum Lob Gottes einladen würden. Denn jedes Geschöpf sagt und ruft: "Gott hat mich deinetwegen gemacht, o Mensch." (LegPer 88)

Februar 2013

Wider den Traditionalismus: Ein Geschichtsbewusstsein, das der Gegenwart und der Zukunft verpflichtet ist

„Die Hauptaufgabe des Konzils liegt darin, das heilige Überlieferungsgut (depositum) der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären.

Damit diese Lehre die vielfältigen Bereiche des menschlichen Wirkens erreicht, sowohl den Einzelnen wie die Familien und das soziale Leben, ist es vor allem nötig, dass die Kirche ihre Aufmerksamkeit nicht von dem Schatz der Wahrheit abwendet, den sie von den Vätern ererbt hat. Sodann muss sie auch der Gegenwart Rechnung tragen, die neue Umweltbedingungen und neue Lebensverhältnisse geschaffen und dem katholischen Apostolat neue Wege geöffnet hat.

Das heißt, das 21. Ökumenische Konzil, dem eine wirksame und hoch zu bewertende Unterstützung durch erfahrene Gelehrte des Kirchenrechts, der Liturgie, des Apostolats und der Verwaltung zur Verfügung steht, will die katholische Lehre rein, unvermindert und ohne Entstellung überliefern, so wie sie trotz Schwierigkeiten und Kontroversen gleichsam ein gemeinsames Erbe der Menschheit geworden ist. Dieses Erbe ist nicht allen genehm, aber es wird allen, die guten Willens sind, als ein überreicher und kostbarer Schatz angeboten.

Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert, und den Weg fortsetzen, den die Kirche seit zwanzig Jahrhunderten zurückgelegt hat.

Denn etwas anderes ist das Depositum Fidei oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung. (Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Konzils: Herderkorrespondenz 17 (1962/63), 85-88)

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Vielleicht ist in der Wortwahl des Papstes bereits das Missverständnis grundgelegt, das heute zur Zerreißprobe der Kirche geworden ist. Darf man von einem "depositum" reden, wenn es um Glauben geht? Geht es da wirklich um ein "Überlieferungsgut", um eine objektive Sache, die vorliegt und die von Generation zu Generation weitergegeben wird, so als ob diese Sache - sozusagen unberührt und unverändert und ohne zu berühren und zu prägen – weitergegeben wird? Geht es wirklich um Lehrsätze, um Dogmen, die tradiert werden müssen?

Und darf man so unterscheiden, wie Johannes XXIII. es tut: da ist einerseits der Inhalt eines Satzes und anderseits die Art und Weise, wie man es sagt. Zeigt sich das Zeitlose in zeitbedingten Formulierungen, in modischen Kleidern?

So hilfreich die Sätze des Konzilspapstes ein Stück weit auch sind, so muss man doch fragen: Ist der Glaube nicht viel mehr eine Herzensangelegenheit? Ist der Akzent nicht auf das Herz zu legen, den eigentlichen Ort, durch den die Tradition fliesst? Und zwar so, dass der Fluss in dem Augenblick verändert und lebendig wird, in dem er ins Herz eintritt? Und wird der Fluss nicht geprägt bleiben durch alle Herzen, durch die er floss?

Ich bin im so genannten katholischen Milieu aufgewachsen, habe die traditionelle, ja scholastische Theologie studiert, aber sie hat mich nicht erreicht. Als ich 1968 in den Wellen der Studentenunruhen schwamm, "scheiterte" diese Theologie. Sie starb in mir, um "neu" aufzuerstehen. Bald darauf erlebte ich meine Sprachmächtigkeit und damit auch die Fähigkeit, den christlichen Glauben auf neue Weise zu artikulieren. Seither bin ich der Überzeugung, dass jedes Dogma im Herzen zunächst scheitern muss, bevor das damit Gemeinte als Feuer und Flamme erscheint. Für das Sprechen liturgischer Texte habe ich dann bald danach den Ausdruck "Kreative Reproduktion" geprägt: alles, was vorgetragen wird, muss zuerst verinnerlicht werden, bevor es dann – so oder anders! – zur Geltung gebracht werden kann.

So muss es auch bei der Wiederentdeckung des Evangeliums als praktische Lebensform durch Franz von Assisi gewesen sein. Die über tausend Jahre vorgelesenen und erklärten Texte verwandelten sich in ihm zu einer überzeugenden unerhörten und neuen Praxis, die das ganze 13. Jahrhundert faszinierte und die auch heute noch Geltung hat. Vorausgesetzt sie wird nicht als objektives Überlieferungsgut betrachtet, das man unverändert der Nachwelt weiterreichen muss.

An dieser Stelle wird die Grenze erkennbar, die zwischen Tradition und Traditionalismus verläuft. Dieser ist blutleer, weil er der bloßen Vergangenheit huldigt und keinerlei Beziehung zur Gegenwart hat, geschweige denn zur Zukunft. Die Tradition jedoch ist ein lebendiger Fluss, der in das Hier und Jetzt fließt und in die Zukunft weiterfließt. Die Tradition ist lebendige Gegenwart und zukünftige Verheissung.

Dies gesagt versteht man, warum der CCFMC zum Teil heftig umstritten ist. Den Traditionalisten ist er Verrat, den Heutigen aber in Sprache und Methode Leben, das uns aus der Vergangenheit zufliesst, Vergegenwärtigung einer Tradition mit Zukunft.

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„Die oft oberflächlich dahingesagten Worte, die Wegwerftexte, ja auch die Texte der Ungläubigen sind für Franziskus unendlich wertvoll. Das Wort ist wirklich "Fleisch geworden". Mit den Buchstaben eines beliebigen Textes kann man das Evangelium oder den Namen Jesu schreiben. Das Evangelium ist für Franziskus plötzlich nicht mehr ein langweiliger, stets wiederkehrender Text, sondern "Geist und Leben" (2 Gl 3). Er entdeckt das Evangelium für die Armen (vgl. Test 12f.; Kler 12; Ord 36; 1 C 82).

So bekommt von der Begegnung mit dem Aussätzigen her alles einen neuen Sinn. Das Verächtliche wird zur Gestalt der Gegenwart Gottes. Davon hat sich Franziskus bilden lassen. Die Begegnung mit den Aussätzigen und der Armut ist ihm zur Lebensform geworden.

Ist es da noch verwunderlich, wenn die ersten Brüder das Noviziat in einem Aussätzigenheim verbringen mussten? (vgl. SlgP 9; 1 C 39).

Franziskanische Ausbildung müsste auch heute im selben Geiste geschehen: im Dienst an Aidskranken, Obdachlosen, Straßenkindern, Drogenabhängigen und anderen ausgegrenzten Menschen unserer Gesellschaft." (aus CCFMC, Lehrbrief 4, C 1.3)

März / April 2013

Wider die Sackgassen der Kirche:
Franziskus als Papst

Die Übertragung des franziskanischen Programms auf die Kirche und ihre Strukturen

Als Fiktion wurde bereits beschrieben, was wir am 13. März 2013 real erleben durften: wir haben einen Papst, der sich Franziskus nennt. 1999 kam in Mailand ein Roman von P. Farinella mit dem Titel "Habemus Papam: Francesco" heraus. In ihm wird das franziskanische Lebensprogram auf die Kirche und ihre Strukturen übertragen.

Der Roman

Bevor ich einiges zur Aktualität des Franziskus im Blick auf die Erneuerung der Kirche sage, möchte ich ganz kurz den Inhalt des Romans darstellen. Das gibt es ein Konklave, das sich dem Heiligen Geist öffnet und einen einfachen Priester, der sich an der Bibel orientiert und dem Volk nahe ist: Giovanni Battista Sciaccaluga. Er wird zum Papst gewählt und gibt sich den Namen Franziskus. Zuerst aber muss er sein Programm finden. Darum geht er zunächst längere Zeit ins Gebet, um es von Gott zu erbitten, dann berät er sich mit zwei einfachen Leuten aus dem Volk, mit Dom Helder Camara (+1999), dem wirbligen Erzbischof von Recife, der die Solidarität mit den Armen konsequent lebt und eine wichtige Bezugsperson der Befreiungstheologie ist, mit Bernhard Häring (+1998), dem weltbekannten Moraltheologen, der aus dem Geist Jesu die ethische Antwort auf moderne Fragen zu geben versucht, und mit dem Jesuiten Jacques Dupuis (+2004), der sich mit den Glaubensfragen im modernen Kontext des religiösen Pluralismus beschäftigt. Aus diesem erlesenen Kreis von fünf Personen geht sein päpstliches Programm hervor.

Im Einzelnen sieht es unter anderem so aus:
  • Papst Franziskus gibt den Vatikanstaat in die Hände von Laien. Er entpolitisiert sein Amt radikal, er reist privat durch die Welt und besucht die Menschen, um sie und ihre Fragen kennen zu lernen, er lehnt dabei staatliche Unterstützung ab.
  • Papst Franziskus verlässt die vatikanischen Prunkbauten und wohnt bei den Armen. Er legt all seine Insignien ab, schafft die Kurie ab, weil er einsieht, dass sie sich zu einer Macht emporgeschwungen hat, die die päpstliche übertrifft. "Transeant papae, curia permanet – Die Päpste gehen, die Kurie bleibt". Die Geschichte darf sich nicht verfestigen.
  • Papst Franziskus fasst sofort die dringlichsten Beschlüsse: unter anderem, dass Priester verheiratet sein dürfen. Er beruft für das Jahr 2005 ein Konzil nach Jerusalem ein, an dem alle Schwesternkirchen mit gleichem Recht wie die katholische teilnehmen können, sofern sie das wollen. Themen sollen sein: das Frauenpriestertum, die Ökumene, die zukünftige Funktion des Papstes, die Kirchenrechtsreform...
Franziskanische Postulate

Selbstverständlich handelt es sich bei dem beschriebenen fiktiven Papstprogramm um eine Utopie, die kaum in die Realität umzusetzen ist. Trotzdem sollte sich der neue Papst an dieser eindrücklichen Fiktion orientieren.

Wenn man sich auf Franz von Assisi beziehen will, dann muss man den ganzen Franziskus in seiner historischen Gestalt in Betracht ziehen. Da gibt es Perspektiven, welche in die kirchliche Praxis überführt werden müssen. Im Einzelnen möchte ich – in meine Sprache und ins Heute übersetzt - nennen:

1. Gegen die dogmatische Erstarrung, wie sie trotz gegensätzlicher Absichten des Zweiten Vatikanischen Konzils die heutige Kirche prägt, geht es um eine lebendige Verflüssigung des Evangeliums in konkreten Lebensvollzügen. Es geht nicht um Sätze und Lehren, sondern um konkrete Spuren eines Weges, den Jesus hinterlassen hat und den der Christ bzw. die Kirche gehen muss. Vor allem geht es darum, in das Geheimnis Jesu einzutauchen, der uns eine besonders dichte Gotteserfahrung vermittelt: Gott ist bedingungslose Liebe, voraussetzungslose Gnade, zugewandte Gegenwart, auf die man froh und dankbar antwortet: Ejus qui nos multum amavit, multum es amor amandus – die Liebe dessen, der uns so sehr geliebt hat, müssen wir mit grosser Liebe lieben", fasst Franziskus seine Spiritualität zusammen. Das Evangelium darf nicht als Gesetz oder Forderung gelesen und erst recht nicht als erstarrtes Lehrsystem vermittelt werden. "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig", zitiert Franziskus den Apostel Paulus (2 Kor 3,6) und fügt hinzu: "Jene Ordensleute sind vom Buchstaben getötet, die nicht dem Geist des göttlichen Buchstabens folgen wollen, sondern mehr danach streben, einzig die Worte zu wissen und sie anderen zu erklären" (Erm 7).

2. Gegen die Absonderung kirchlicher Amtsträger und den Individualismus setzt Franziskus sein Konzept der Geschwisterlichkeit und des Gehorsams (= Ge-hor-sam). Die gegenseitige Beziehung auf gleicher Ebene ist dermassen wichtig, dass auch die notwendigen Dienstfunktionen in der Kirche und in den Gemeinschaften in den Gehorsam eingebettet sind. Da muss jeder und jede an seinem bzw. ihrem Ort hellhörig ausgerichtet sein: auf das eigene Innere, auf das Du, das einem begegnet, auf die Gruppe, die Gemeinschaft, die Gemeinde, die Kirche, der man angehört, auf die Menschheit insgesamt, ja auch auf die ganze Schöpfung, sogar auf die "Bestien und wilden Tiere" (GrTug). Letztlich geht es darum, alles, was ist, als Offenbarungsort Gottes wahrzunehmen: in allem und durch alles spricht Gott zu uns. Zudem geht es auf allen Ebenen auch der Kirche darum, Jesus als privilegierten Ort der Kundgebung Gottes anzuerkennen und jeden Tag intensiv hellhörig zu sein für seine Gegenwart in Kirche und Orden. Auch die Personen, welche da eine besondere Verantwortung des Dienens innehaben, müssen sich primär als Hörende begreifen und ebenso hellhörig auf die einzelnen Gläubigen ausgestreckt leben. Sie dürfen keinen Gehorsam verlangen, den sie nicht selbst vollziehen. Aber kann man bei einem solchen Gehorsamsverständnis überhaupt noch Gehorsam verlangen?

3. Gegen Habgier und Besitzdenken setzt Franziskus seine radikale Armut. Er erkennt, dass Gott ein Geheimnis der Armut ist: Gott ist Liebe, die nicht an sich festhält: Liebe, die sich hingibt und als dauernd hingegebene Liebe in Jesus Christus zugänglich ist und als überfliessende Liebe unsere Gedanken und Herzen prägen will. Verbundenheit in der Liebe, Solidarität mit den Armen, geteiltes Leben mit allen, Verzicht auf Vorrang und Privilegierung, die Kunst der Reduktion der Besitzstände sind nicht nur als Ideal zu verherrlichen, sondern müssen die konkrete Praxis der Kirche bestimmen. Das verlangt eine alternative Ökonomie und einen anderen Umgang mit Geld und Besitz.

4. Gegen jede rassistische, nationale, geschlechtliche und anthropologische Einengung setzt Franziskus sein universales Denken, das im Sonnengesang seinen dichterischen Ausdruck fand. Bruder/Schwester ist nicht bloss der Volksgenosse, nicht bloss der Christ, nicht nur der andere Mensch, sondern auch jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier. Jedes Wesen hat ein individuelles Gesicht, das es zu erkennen gilt. Alles trägt ein Geheimnis in sich, vor dem man sich ehrfürchtig neigen muss. Jedes Geschöpf hat einen eigenen Wert, den Gott in es hineingelegt hat. Deshalb entzieht sich alles dem blossem Gebrauch, dem Konsum, dem verbrauchenden Zugriff. Eine Ökonomie, die nicht ökologisch ist, ist ein Verbrechen. Schonung, Gewaltlosigkeit, Behutsamkeit und Friedfertigkeit muss alles Handeln prägen.

5. Gegen eine konfuse Religiosität setzt Franziskus seine Kirchlichkeit. Wobei diese sich nur in zweiter Linie auf die Institution bezieht. Primär geht es um eine mystische Erfahrung: der unzugängliche Gott macht sich in seiner Menschwerdung in Jesus zugänglich, bzw. in seinem Wort und in den Zeichen seiner bleibenden Gegenwart: im Wasser, in das wir eintauchen; im Brot, das wir essen, und im Wein, den wir trinken, in den heiligen Schriften, die wir meditieren... In der Taufe und in der Eucharistie setzt sich der auferstandene Christus selbst gegenwärtig, sofern das Wort diese Zeichen heiligt. Darauf kommt es an: dass wir in den Worten und in den Zeichen der Lebendigkeit Jesu begegnen. Das authentische Wort und die wahren Zeichen der Gegenwart Jesu gibt es aber nur im Rahmen der Kirche. Wenn aber die Institution zwar wichtig ist, aber nur der Rahmen einer möglichen mystischen Erfahrung darstellt, dann müssen auch andere Akzente gesetzt werden: die lokale Kirche, die Gemeinschaft am Ort, in deren Mitte uns der Auferstandene erreichen will. Dass diese Kirche dann auch die vier ersten Punkte des franziskanischen Programms erfüllen muss, dürfte sich von selbst verstehen. Die Kirchklichkeiit ist also durch eine mystische Grunderfahrung begründet.

Ob Papst Franziskus verstanden hat, worauf er sich mit der Wahl seines Namens eingelassen hat?

Mai / Juni 2013

Wider ein bloß institutionelles Kirchenverständnis:
eine mystisch verankerte und lokal erlebbare Kirche

1: Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15). Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit. Deshalb möchte sie das Thema der vorausgehenden Konzilien fortführen, ihr Wesen und ihre universale Sendung ihren Gläubigen und aller Welt eingehender erklären. Die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geben dieser Aufgabe der Kirche eine besondere Dringlichkeit, dass nämlich alle Menschen, die heute durch vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande enger miteinander verbunden sind, auch die volle Einheit in Christus erlangen.

8: Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfasst und trägt sie als solches unablässig (9); so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst (10). Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16) (11). ... Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.

26: Diese Kirche Christi ist wahrhaft in allen rechtmäßigen Ortsgemeinschaften der Gläubigen anwesend, die in der Verbundenheit mit ihren Hirten im Neuen Testament auch selbst Kirchen heißen (86). Sie sind nämlich je an ihrem Ort, im Heiligen Geist und mit großer Zuversicht (vgl. 1 Thess 1,5), das von Gott gerufene neue Volk. In ihnen werden durch die Verkündigung der Frohbotschaft Christi die Gläubigen versammelt, in ihnen wird das Mysterium des Herrenmahls begangen, "auf dass durch Speise und Blut des Herrn die ganze Bruderschaft verbunden werde"(87). In jedweder Altargemeinschaft erscheint unter dem heiligen Dienstamt des Bischofs (88) das Symbol jener Liebe und jener "Einheit des mystischen Leibes, ohne die es kein Heil geben kann"(89. In diesen Gemeinden, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Diaspora leben, ist Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche geeint wird (90). Denn "nichts anderes wirkt die Teilhabe an Leib und Blut Christi, als dass wir in das übergehen, was wir empfangen.“ Lumen Gentium

In der nachkonziliaren Auslegung dieser Texte gibt es vor allem zwei theologische Streitpunkte:

  1. Die ökumenische Frage: Ist die konfessionell geprägte katholische Kirche identisch mit der katholischen Kirche Jesu Christi bzw. ist sie die einzige, die sich als Kirche des menschgewordenen Gottes verstehen darf? Papst Benedikt XVI. hat diese Frage bejaht, obwohl das Konzil dies gerade nicht sagen wollte. Dieses sagt vielmehr, dass sich die Kirche in der konfessionell verstandenen katholischen Kirche "verwirklicht", nicht dass sie mit ihr identisch ist. Das lässt mit Blick auf die ökumenische Situation sehr viel mehr und noch ganz anderes sagen, als das, was in den öffentlichen Stellungnahmen des Papstes zum Ausdruck gekommen ist.
  2. Die theologische Frage: Was ist zuerst: die universale und institutionell verfasste Kirche (Roms) oder die "Kirche vor Ort"? Auch hier hat Papst Benedikt den universalen Aspekt als primär und prioritär herausgestellt, während Kardinal Kasper die Ortskirche als Erscheinung der Universalkirche betonte.

Der Schlüssel für die Beantwortung beider Fragen liefert das Konzil selbst. Es braucht den Begriff "Sakrament", um sowohl das Wesen des Christusgeheimnisses als auch die Natur der Kirche zu beschreiben. Sakrament – das bedeutet, dass ein Phänomen auf etwas anderes, Größeres und Unfassbares hinweist, gleichzeitig aber dieses alles übersteigende Geheimnis im Konkreten zur Erscheinung bringt. Der Mensch Jesus ist die einmalige und unverwechselbare Erscheinung des Gottes, der sich aus Liebe in die Welt hinein entäußert. Die Kirche ist analog dazu die Erscheinung und die konkrete Vergegenwärtigung dieses menschgewordenen Gottes im Ablauf der Zeiten. Es dürfte sich von selbst verstehen, dass die Benutzung des Sakramentsbegriffs auch auf den Vollzug der Sakramente an einem konkreten Ort hinweist und auch alle pastoralen und sozialen Bereiche mit einbezieht. Es ist die Ortsgemeinde, die über sich hinausweist und die universale Kirche bzw. den menschgewordenen Gott zur Erscheinung bringt. Sakrament sagt – und zwar in allen Bereichen - immer eine paradoxe Aussage: Hinweis auf ein ganz Anderes, Unsagbares, das sich im Hier und Jetzt und im Da und Dort vergegenwärtigt.

Natürlich hat sich Franziskus als Mitglied der Universalkirche verstanden. Deswegen trug er die an ihn ergangene "Offenbarung des Evangeliums" zum Papst, nicht nur um in seinem Vorhaben bestätigt zu werden, sondern auch um die Provokation, die vom Evangelium ausgeht, in die Großkirche einzubringen. Es war sein Wille, "katholisch" zu sein und in einer vollzogenen Beziehung zur Amtskirche zu stehen. Und es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, seine Bruderschaft an den Papst zu binden. Klara von Assisi teilt mit ihm diese Einbindung in die Katholizität, aber indem sie Sach- und Beziehungsebene auseinanderhält: nach ihr kann man die Beziehung zum Papst sehr wohl hegen und pflegen, ohne nicht auch den Dissens klar zu formulieren.

Franziskus begründet diese Haltung zur übergreifenden Kirche mystisch. Er unterscheidet in seinem Testament zwischen dem Phänomen, das uns begegnet (möglicherweise sündige Priester und Amtsträger), und dem Geheimnis Gottes, das sich selbst einen Weg zum Menschen bahnt. Unabhängig von den moralischen Defiziten der Kirche erreicht Gottes Gnade ihr Ziel, den gläubigen Menschen. Es ist der Sakramentsbegriff, der hier im Hintergrund steht. Das wird noch deutlicher in der ersten Ermahnung des Franziskus. Da sagt er, dass Gott für den menschlichen Zugriff unerreichbar ist, dass es aber Gott selbst ist, der eine Brücke über den Menschen schlägt. Diese Brücke ist die "Humilitas", die Bindung an den Humus, an die Endlichkeit und Begrenztheit der Erde. Das erdgebundene Menschsein Jesu und die Alltäglichkeit von Brot und Wein sind die Phänomene, über die sich uns Gott zuwendet. Damit aber das Unterscheidende, das transzendente Geheimnis erkannt bzw. empfangen wird, braucht es neue Augen, den Heiligen Geist. In seinem Brief an den Orden beschreibt Franziskus die revolutionäre Umwälzung, die diese sakramentale Sicht für den Gottesglauben und für die menschlichen Beziehungen beinhaltet. Die ganze Schöpfung wird mitgerissen in einen taumelnden Tanz, und alle Andachtsformen und privaten religiösen Verrichtungen müssen aufgegeben werden, um miteinander – konkret! - die Gegenwart des sich schenkenden Gottes zu feiern. Selbst die Abwesenden werden durch diese Vergegenwärtigung erfüllt. Eine neue Gemeinschaft muss entstehen: ein geschwisterliches Miteinander, das sich gegenseitig in liebendem Ge-hor-sam begegnet, ohne Besitzansprüche alles miteinander teilt und mit den Armen solidarisch und mit allen Geschöpfen in Verbundenheit lebt.

Ganz offensichtlich ist ein solch mystisches Eucharistieverständnis auf alle Formen des christlichen Zusammenlebens übertragbar. Dann wird auch begreiflich, warum die universale Kirche an konkreten Orten erscheint und diese bezeugt. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass Papst Franziskus die Priorität der Lokalkirche gegenüber der Universalkirche betont, in dem er zum Beispiel sagt: Ich bin der Bischof von Rom und als solcher Papst. Und bei der Übernahme "seiner Kirche", der Lateranbasilika, ließ er die liturgischen Texte so umformen, dass keinerlei Logik der Macht zum Ausdruck kommt.

Juli / August 2013

Wider Aggression und Gewalt in der Argumentation:
miteinander die Wahrheit erschließen

„Ein so rascher Wandel der Zustände, der oft ordnungslos vor sich geht, und dazu ein schärferes Bewusstsein für die Spannungen in der Welt erzeugen oder vermehren Widersprüche und Störungen des Gleichgewichts. Schon in der Einzelperson entsteht öfters eine Störung des Gleichgewichts zwischen dem auf das Praktische gerichteten Bewusstsein von heute und einem theoretischen Denken, dem es nicht gelingt, die Menge der ihm angebotenen Erkenntnisse selber zu bewältigen und sie hinlänglich in Synthesen zu ordnen.

Eine ähnliche Störung des Gleichgewichts entsteht ferner zwischen dem entschlossenen Willen zu wirkmächtigem Handeln und den Forderungen des sittlichen Gewissens, aber oft auch zwischen den kollektiven Lebensbedingungen und den Voraussetzungen für ein persönliches Denken oder sogar eines besinnlichen Lebens.

Endlich entsteht eine Störung des Gleichgewichts zwischen der Spezialisierung des menschlichen Tuns und einer umfassenden Weltanschauung. In der Familie entstehen Spannungen unter dem Druck der demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation, aus den Konflikten zwischen den aufeinanderfolgenden Generationen, aus den neuen gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau. Große Spannungen entstehen auch zwischen den Rassen, sogar zwischen den verschiedenartigen Gruppen einer Gesellschaft, zwischen reicheren und schwächeren oder notleidenden Völkern, schließlich zwischen den internationalen Institutionen, die aus der Friedenssehnsucht der Völker entstanden sind, und der rücksichtslosen Propaganda der eigenen Ideologie samt dem Kollektivegoismus in den Nationen und anderen Gruppen.

Die Folge davon sind gegenseitiges Misstrauen und Feindschaft, Konflikte und Notlagen. Ihre Ursache und ihr Opfer zugleich ist der Mensch.“

Gaudium et Spes 8

Seit Jahrzehnten gibt es auf allen Ebenen der Kirche und der Gesellschaft Spannungen und Konflikte, die immer wieder in gewalttätigen Auseinandersetzungen münden. Der weltweite Terror zeigt die Krise zwischen westlichen und arabischen Kulturen an. Der oft aggressive Fundamentalismus in vielen Problemfeldern verweist auf eine Krise zwischen gestern, heute und morgen. Die Jugendunruhen in Stockholm und Bern stellen die Antworten der älteren Generation in Frage. Die immer größeren Scheidungszahlen bringen auf erschreckende Weise zum Ausdruck, dass es im Selbstverständnis von Mann und Frau und in ihrer Beziehung zueinander Probleme gibt, die weit über die individuellen Aspekte hinausreichen und an das Grundsätzliche rühren.

Wie können diese Konflikte und Spannungen gelöst werden? Was ist aus einer franziskanischen Perspektive heraus dazu zu sagen?

Zunächst sagt Franziskus dazu Grundsätzliches und Praktisches. So ist er der Auffassung, dass das Evangelium die Grundlage für eine Lebensform darstellt, die auch unterschiedliche Meinungen und Überzeugungen, vor allem aber verschiedene gesellschaftliche Schichten und Standards verbinden könnte. Nicht dass damit Unterschiede im Verhalten und im Denken aus der Welt geschafft wären! Aber der gemeinsame Wille, Jesus zu folgen, führt dazu, dass man geschwisterlich miteinander umgeht. Dieser Ansatz beinhaltet dann auch, dass man die Menschen, die sich nicht zum gemeinsamen franziskanischen Leben bekennen oder gar anderen religiösen Überzeugungen, Lebensformen und Kulturen anhangen, mit einem positiven Vorurteil begegnet: sie sind auf jeden Fall Brüder und Schwestern, denen man rücksichtsvoll, demütig, also ohne äußere Gewalt und auch ohne aggressive Behauptungen und Argumentationen begegnet (vgl. seine Aussagen über das Leben unter dem Islam in NbR 16). Die radikale Ablehnung des Besitzes jeglicher Art beinhaltet auch den Verzicht, sich allein im Besitz der Wahrheit zu wähnen. Das, woran ich mit allen Fasern meiner Existenz hange, kann ich darum auch nicht von anderen fordern. So sehr Franziskus sich freuen würde, wenn sich alle politische Macht und alle Wissenschaft dem Christusereignis unterwerfen würden und nur noch der Logik der Liebe folgten, „darin besteht nicht die wahre Freude". Diese beruht einzig und allein darauf, mit sich selber identisch zu bleiben und alles Erfolgsdenken zurückzulassen.

Auf der praktischen Ebene gibt es zwei sehr schöne Texte von bzw. über Franziskus, die zeigen, wie Franziskus die „Spur der Wahrheit" entdeckt.

In seinem Brief an einen Minister behandelt Franziskus ausdrücklich den inner-gemeinschaftlichen Konflikt. Anlass dazu ist der handfeste Konflikt, den ein verantwortlicher Bruder erlebte und der ihn dazu brachte, von seinem Amt zurückzutreten und in Zukunft in der angeblich konfliktlosen Luft einer Einsiedelei zu leben. Franziskus verwehrt ihm diesen Ausweg. Denn erstens ist der Konflikt der Normalfall des gemeinsamen Lebens und zweitens birgt jeder Konflikt eine Chance. Im Bleiben im Konflikt, im Erspüren dessen, was ein Konflikt in Tat und Wahrheit ist, und worauf er hinweist, ergibt sich die Antwort. Sie steht nicht ein für alle Mal fest, sie ergibt sich aus dem konkreten Leben selbst. Die Wahrheit ist nicht nur hinter mir, nicht nur in mir, sondern vor allem auch vor mir. Aber ich muss sie erschließen. Die Wirklichkeit, in der wir leben, hat Offenbarungscharakter, wie Franziskus in seinem umfassenden Gehorsamsverständnis zeigt. Die Wahrheit „enthüllt" sich in dem Masse, wie man sich auf die Wirklichkeit einlässt.

Franziskus hat das in seiner berühmten Vogelpredigt gezeigt. Spontan geht er auf eine Vogelschar zu, die er beim Vorübergehen entdeckt. Er lässt sich von ihr überraschen und wagt dann, sie in einer Predigt anzusprechen. Danach geht er nachdenklich weg. Denn diese Situation hat ihm seine Berufung gezeigt, in Zukunft die gesamte Schöpfung, Menschen, Tiere und die Natur insgesamt in seiner Verkündigung des guten Gottes anzusprechen.

Was sich hier im Verhalten des Franziskus zeigt, kann zu einer Art gemeinsamer Methodik ausgefaltet werden. Die Wirklichkeit selbst enthüllt uns die innere Wahrheit. Dazu seien zwei Anmerkungen erlaubt:

  1. Papst Franziskus bestätigt die Maßnahmen seines Vorgängers Benedikt XVI. gegen die amerikanischen Ordensfrauen. So sehr er bisher in vielen Bereichen franziskanische Aspekte in die Art und Weise seiner Amtsführung übernommen hat, so sehr verkennt er hier die Möglichkeit der Wahrheitsenthüllung im Umgang mit der Wirklichkeit. Ordensleute sind mit der Spurensuche beauftragte Christen, sie müssen sich mit ihrem Leben ins Unerprobte vorwagen. Nur so können sie für die Kirche fruchtbar werden.
  1. Die Art und Weise, wie die Kirche und die Christen oft mit dem Thema „Homoehe" umgehen, widerspricht ebenso sehr dem hier angesprochenen Postulat wie die unbedachte juristische Gleichstellung von Ehe und gleichgeschlechtlicher Partnerschaft. Nach Jahrhunderten der Ächtung homosexueller Beziehungen und nach dem erschreckenden Unrecht, das ihnen von Gesellschaft und Kirche zugefügt wurde, muss sich die Kirche neu orientieren. Sie muss sich empathisch hineinfühlen in die Wirklichkeit, die sich in solchen Beziehungen offenbart. Sie muss sich auch bewusst machen, wie sehr sie auch die gleichgeschlechtliche Sexualität in der Vergangenheit verkannt hat. Erotik und Sexualität sind als „loci theologici" zu erklären, in denen sich neben sehr viel Ungereimtem, ja Sündigem, auch tief Göttliches zeigt. Anderseits ist es doch jedem vernünftigen Menschen einsichtig, dass die Ehe primär durch liebendes Zeugen und liebendes Empfangen zu definieren und also eine biologische Grundwirklichkeit ist, die die homosexuelle Partnerschaft nie erreicht. Warum also etwas gleichsetzen wollen, was letztlich nur analog vergleichbar ist. Es ist die Wirklichkeit selbst, die solches enthüllt. Auf dieser Grundlage können dann juristische und gesellschaftliche Lösungen gefunden werden, die weder die Ehe herabsetzen noch Rechte und Pflichten gleichgeschlechtlicher Paare mindern.

September 2013

Wider den Sexismus: Geschwisterlichkeit und
gleichberechtigtes Miteinander von Frau und Mann

Die Frauen verlangen für sich die rechtliche und faktische Gleichstellung mit den Männern, wo sie diese noch nicht erlangt haben. (9)

Es ist eine beklagenswerte Tatsache, dass jene Grundrechte der Person noch immer nicht überall unverletzlich gelten; wenn man etwa der Frau das Recht der freien Wahl des Gatten und des Lebensstandes oder die gleiche Stufe der Bildungsmöglichkeit und Kultur, wie sie dem Mann zuerkannt wird, verweigert. Obschon zwischen den Menschen berechtigte Unterschiede bestehen, fordert ferner die Gleichheit der Person-Würde doch, dass wir zu humaneren und der Billigkeit entsprechenden Lebensbedingungen kommen. (29)

Wenn wirklich durch die gegenseitige und bedingungslose Liebe die gleiche personale Würde sowohl der Frau wie des Mannes anerkannt wird, wird auch die vom Herrn bestätigte Einheit der Ehe deutlich. (49)

Die Familie ist eine Art Schule reich entfalteter Humanität. Damit sie aber ihr Leben und ihre Sendung vollkommen verwirklichen kann, sind herzliche Seelengemeinschaft, gemeinsame Beratung der Gatten und sorgfältige Zusammenarbeit der Eltern bei der Erziehung der Kinder erforderlich. Zu ihrer Erziehung trägt die anteilnehmende Gegenwart des Vaters viel bei. Aber auch die häusliche Sorge der Mutter, deren besonders die jüngeren Kinder bedürfen, ist zu sichern, ohne dass eine berechtigte gesellschaftliche Hebung der Frau dadurch irgendwie beeinträchtigt wird. (52)

Die Frauen sind zwar schon in fast allen Lebensbereichen tätig, infolgedessen sollen sie aber auch in der Lage sein, die ihrer Eigenart angemessene Rolle voll zu übernehmen. Sache aller ist es, die je eigene und notwendige Teilnahme der Frau am kulturellen Leben anzuerkennen und zu fördern. (60) Gaudium et Spes

Unzweifelhaft sind diese Textfragmente aus Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt gegenüber beschämenden Aussagen der vorkonziliaren Zeit: Mann und Frau sind von gleicher personaler Würde; die gesellschaftliche Stellung der Frau muss in vielen Bereichen gehoben und darf nicht beeinträchtigt werden. Dennoch kennzeichnet ein gewisses Zögern die Sätze: die der Frau "gemäße Rolle", "berechtigte gesellschaftliche Hebung". Hinter diesem Zögern stehen wohl von Männern geprägte ideologische Vorstellungen, die die offizielle Kirche bis heute daran hindern, die Frau auch innerhalb der Kirche als gleichberechtigte Partnerin des Mannes anzuerkennen.

Johannes XXIII. hatte bereits 1963 die Frauenbewegung als ein "Zeichen der Zeit" erkannt. Zu fragen ist bei solchen "Zeichen", ob darin der Kirche nicht das Antlitz Jesu entgegentritt.

Man hat nicht den Eindruck, dass das Konzil und die nachfolgende Amtskirche dieses Zeichen aus einer kontemplativen Haltung heraus wirklich gelesen und verstanden hat. Zwar gab es einige theologische Äußerungen von Theologen und sogar von Bischöfen und Bischofskonferenzen, doch blieben sie ohne Einfluss auf das Zentrum der Kirche. Zudem gab es eine Stellungnahme der päpstlichen Bibelkommission, die mit 12 zu 5 Stimmen erklärte, dass das Priestertum der Frau der Grundintention Jesu in keiner Weise widerspricht. Der Jesuit und Exeget David Stanley, der bei diesen Beratungen dabei war, sagt es deutlich: „Die Glaubenskongregation habe ihre eigenen biblischen Argumente konstruiert, die nichts mit dem zu tun haben, was wir vorlegten." Wenn dann der Papst die Diskussion beendet und sogar eine weitere Diskussion verbietet, kann man nur den Kopf schütteln. Und wenn noch 2013 im Vorfeld der Papstwahl konservative Kreise argumentieren, dass die Frage durch die Entscheidung des Papstes endgültig geklärt sei, dann muss man an ihrer theologischen Vernunft zweifeln.

Selbstverständlich hat sich Franz von Assisi nicht direkt zu dieser Frage geäußert. Dennoch lassen sich einige Schlüsse ziehen, die aus der Sackgasse herausführen, in welche wir durch eine unerleuchtete Amtstheologie geraten sind. Für Franz von Assisi ist klar, dass sich Mann und Frau zueinander geschwisterlich verhalten. In seinem Sonnengesang ordnet er die ganze Schöpfung auf der Grundlage der geschwisterlichen bzw. geschlechtlichen Beziehungen. Die gegenseitige Bezogenheit des Männlichen und des Weiblichen ist für die Schöpfung konstitutiv: nur im gemeinsamen geschwisterlichen Vollzug des Menschlichen werden Mann und Frau sein, was sie vor Gott sind. Freilich steht er in der ganzen Tradition, die erst durch die Entdeckung des Eisprungs und dessen Bedeutung im Jahre 1842 durch den Physiologen Theodor von Bischoff beendet wurde. Der Mann ist bis zu diesem Zeitpunkt der aktive Part, die Frau die passive Partnerin. Das aktive Licht der Sonne (=männlich) wird vom Mond (= weiblich) gespiegelt; das Wasser (=weiblich) nimmt den Wind (= männlich) durch ein sanftes Kräuseln oder durch stürmische Wellen auf; die Erde (= weibl.) muss durch das Feuer (= männl.) gehen, um Bestand zu haben; der Tod (= weibl.) wird durch die Liebe (= männl.) überwunden. Auf dieser biologischen Grundlage kann selbstverständlich nur der Mann Christus bzw. Gott repräsentieren. Diese in ihren Konsequenzen gefährlichen Zuordnungen wurden durch die Entdeckung des aktiven weiblichen Beitrages im Prozess des Entstehens menschlichen Lebens endgültig außer Kraft gesetzt. Wohin ein solches Denken führt, zeigt der kirchliche Prozess in Mailand gegen Mayfreda und ihr Gefolge, die Wilhelmina, die Schwester der hl. Agnes von Prag, für die "Inkarnation Gottes im Fleisch der Frau" hielten . Die Menschwerdung als Mannwerdung zu begreifen, führt zu unsinnigen theologischen Folgerungen sowohl auf der Seite der Männer wie auf der Seite der Frauen. Interessant ist übrigens die unterdessen überholte Meinung von Theodor von Bischof: „Die Beschäftigung mit dem Studium und die Ausübung der Medizin widerstreitet und verletzt die besten und edelsten Seiten der weiblichen Natur, die Sittsamkeit, die Schamhaftigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit, durch welche sich dieselbe vor der männlichen auszeichnet." Die diskriminierenden Aussagen des Vatikans zur Gleichstellung der Frau werden sich in einigen Jahren als ebenso lächerlich darstellen.

Von Franziskus her ergibt sich aber noch eine andere Spur: In seiner ersten Ermahnung sieht Franziskus das Amt des Priesters als Spiegelung Marias. Wie diese "in ihrem Schoss" die erdgebundene Gestalt Gottes (Jesus) aufnimmt, so nimmt auch der Priester "in seinen Händen" die sich an Brot und Wein bindende Gegenwart Christi entgegen, um sie "anderen auszuteilen". Die Modellgestalt des Priesters ist also Maria, die Mutter Gottes, der Priester also nicht mit Christus gleichzusetzen. Auf dieser Ebene könnte auch das erneute Nachdenken über das Amtsverständnis zu anderen Ergebnissen kommen, zumal Franziskus auch an anderer Stelle von Männern und Frauen schreibt, dass sie Mütter Gottes sind: "Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die göttliche Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll. O, wie ehrenvoll ist es, einen heiligen und großen Vater im Himmel zu haben! O, wie heilig, als Tröster einen solch schönen und wunderbaren Bräutigam zu haben! O, wie heilig und wie erfreulich, einen solch wohlgefälligen, demütigen, Frieden stiftenden, süßen, liebevollen und über alles ersehnenswerten Bruder und einen solchen Sohn zu haben: unseren Herrn Jesus Christus, der sein Leben für seine Schafe hingegeben hat." (2 Gl 10ff).

Auf dieser Grundlage lässt sich das innerkirchliche Verhältnis von Mann und Frau anders bestimmen. Eine sexistische Diskriminierung in der Kirche ist weder theologisch noch praktisch möglich.

Oktober 2013

Widerspruch zur herrschenden Wirtschaftstheorie
und -praxis:

Eine Wirtschaft, die dem Leben dient

Im Wirtschaftsleben sind die Würde der menschlichen Person und ihre ungeschmälerte Berufung wie auch das Wohl der gesamten Gesellschaft zu achten und zu fördern, ist doch der Mensch Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft. ...

Nicht wenige Menschen, namentlich in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern, sind von der Wirtschaft geradezu versklavt, so daß fast ihr ganzes persönliches und ge-sellschaftliches Leben von ausschließlich wirtschaftlichem Denken bestimmt ist, und dies ebenso in Ländern, die einer kollektivistischen Wirtschaftsweise zugetan sind, wie in anderen. Gerade zu der Zeit, da das Wachstum der Wirtschaft, vernünftig und hu-man gelenkt und koordiniert, die sozialen Ungleichheiten mildern könnte, führt es all-zu oft zu deren Verschärfung, hie und da sogar zur Verschlechterung der Lage der sozi-al Schwachen und zur Verachtung der Notleidenden. Während einer ungeheuren Masse immer noch das absolut Notwendige fehlt, leben einige auch in zurückgebliebenen Ländern - in Üppigkeit und treiben Verschwendung. Nebeneinander bestehen Luxus und Elend. Einige wenige erfreuen sich weitestgehender Entscheidungsfreiheit, wäh-rend viele fast jeder Möglichkeit ermangeln, initiativ und eigenverantwortlich zu han-deln, und sich oft in Lebens- und Arbeitsbedingungen befinden, die des Menschen un-würdig sind. (Gaudium et Spes 63)

In ihrem Buch «Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Le-bens» setzen die anglikanischen Ökonomen Robert und Edward Skidelsky grosse Hoffnung auf die katholische Kirche und ihren geistigen Sachverstand in Sachen Wirtschaft. Sie stütze sich dabei auf die aristotelische Tugend des Masshaltens. Tatsächlich kommt den wirtschaftsbezügli-chen Stellungnahmen des Konzils und den weiterführenden Stellungnahmen des Vatikans eine überragende prophetische Bedeutung zu.

Das Konzil stellt den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Ge-barens. Es geht letztlich darum, dass alle Menschen gut leben können. Aristoteles, auf den sich die kirchliche Position stützt, unterschied zwei Formen des Wirtschaftens: eine gute und eine schlechte. Die gute stellt allen ökonomischen Sachverstand unter das Kriterium der Mehrung des Lebens, die schlechte unter dasjenige der Akkumulation von Geld und Gütern. Seit einigen Jahrzehnten bestimmt die Logik des Geldes die Ökonomie. Die schrecklichen Folgen werden bereits vom Zweiten Vatikanischen Konzil an den Pranger gestellt. Die zurückliegende und noch andauernde Finanz-, Banken- und Schuldenkrise ist das Ergebnis.

Auch Franz von Assisi könnte innerhalb einer falsch verstandenen Ökonomie als sinnstiftende Alternative gesehen werden.

1. Das sinnvolle und gute Leben hat mit Anhäufung von Geld und Besitz nichts zu tun. Das Leben trägt seinen Sinn in sich selbst. Geld und Güter können sogar das wahre Le-ben hindern, die Freiheit einengen und die Seele töten. Franziskus hat deshalb nicht nur auf Akkumulation verzichtet, sondern viel grundsätzlicher auf das Haben- und Be-sitzenwollen. Der Habsucht und Gier setzte er die Armut und die Freiheit entgegen. Natürlich kann mit einer solchen Haltung kein Unternehmer leben, aber der Geist, der dahinter steht, ist umso dringlicher. So hat Walter Dirks bei seinen ökonomischen und gesellschaftlichen Überlegungen nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges auf Franzis-kus verwiesen. Seine eigentliche Bedeutung bestünde darin, der Welt zu zeigen, wie man wahrhaft reich sein kann.

2. Das Geld floh Franziskus wie der Teufel das Weihwasser. Tatsächlich war das Geld für ihn eine Art Sakrament des Bösen. Er sah, welche verheerenden Auswirkungen von ihm ausgingen: überall Bettler, Arme. Darum war die zentrale Frage, die ihn und viele andere damals bewegte: wie kann man unter den Bedingungen der Geldwirtschaft wahrhaft Christ sein? Er konnte damals noch zwischen Geld und Gütertausch wählen. Wir können es nicht mehr. Dennoch müssen wir uns fragen, was denn das Geld ist. Es ist in materieller Hinsicht ein Nichts, es hat nur jenen Wert, den wir ihm zumessen, persönlich, aber auch gesellschaftlich. Wir können den Weg der Dämonisierung nicht mehr gehen. Aber wir sollten umso mehr der Vergöttlichung des Geldes entgegenwir-ken. Und vielleicht gibt es auch heute noch Wege des Tausches von Leistungen, ge-nossenschaftlich organisierte Tauschformen, die nicht über das Geld laufen. Es gibt sie übrigens schon, diese "Talentwirtschaft", die den Handel mit Geld abschafft und Nega-tivzinsen fordert für den Fall, dass jemand eventuell aufkommendes Einkommen hortet. Erst recht ist dem Börsengang und der Spekulation mit einem grundsätzlichen Vorbehalt zu begegnen.

3. Für Franziskus war zwar der gerechte Lohn eine Selbstverständlichkeit. Dennoch hat er Lohn und Arbeit entkoppelt. Die Arbeit trägt ihren Sinn in sich, sie wird nicht erst durch den Lohn sinnvoll. Auch war es ihm klar, dass der Arbeiter seine Arbeit im Rah-men seiner Verantwortung "gut" macht. Er würde nur den Kopf schütteln, wenn jemand für gute Arbeit noch extra bezahlt werden müsste. Das ist eine Beleidigung der Arbeit der anderen und ein haltloser Vorwurf für alle, die ganz selbstverständlich ihre Arbeit leisten. Und dass jemand für verantwortungsvolle Arbeit nochmals um ein unendlich Vielfaches bezahlt werden soll und dass gewissen Menschen ein "Marktwert" zukommt, wäre für Franz von Assisi eine Entwürdigung des Menschen, sowohl dessen, der sich auf einen Marktwert bezieht, wie auch derer, die ganz schlicht ihre Arbeit tun.

4. Natürlich wären hier noch andere Aspekte zu beschreiben, zum Beispiel Fragen im Zu-sammenhang von Arbeit und Konsum. Doch davon ein anderes Mal.

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Mit der Armut im Geiste, welche wahre Demut ist, stimmte bei Klara die Ar-mut an allen Dingen überein. Daher ließ sie am Anfang ihrer Bekehrung zuerst ihr väterliches Erbe, das ihr zukam, veräußern. Für sich behielt sie nichts von dem Erlös zurück, alles teilte sie den Armen aus. Nachdem sie von jetzt an die Welt draußen gelassen hatte, im Inneren des Herzens aber reich geworden war, eilte sie unbelastet, ohne Geldtasche, Christus nach. Schließlich schloss sie einen solch innigen Bund mit der heiligen Armut und liebte sie so sehr, dass sie nichts haben wollte außer den Herrn Jesus Christus und auch ihren Töchtern nichts zu besitzen erlaubte. Sie meinte, man könne in keiner Weise die kostbarste Perle himmlischer Sehnsucht, die sie durch den Verkauf all ihrer Güter erworben hatte, zusammen mit der nagenden Sorge um zeitliche Dinge besitzen. (LebKlar 12 KQ 307)